Serie Anlagestrategien: Value

Serie Anlagestrategie Potenzial erkennen

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Aktienkurse schwanken stark. Value‐Strategen lassen sich davon nicht beir­ren. Sie suchen nach unter­be­w­erteten Unternehmen mit hohem Aufholpoten­zial.

Die Brüder Albrecht fol­gten einem Prinzip: Im Einkauf liegt der Gewinn. Mit dieser Strate­gie baut­en die Kauf­mannssöhne aus Essen nach dem Zweit­en Weltkrieg ein Imperi­um auf – die Aldi‐Kette, unterteilt in Aldi Nord und Aldi Süd. Ihr Gedanke: Wer Kon­ser­ven, Tiefkühlware oder Pullover gün­stig einkauft, muss auch beim Verkauf keine hohen Preise ver­lan­gen, um auf eine auskömm­liche Ren­dite zu kom­men. Dieses Prinzip gilt auch an der Börse. Indes ver­hal­ten sich Anleger an den Finanzmärk­ten nur sel­ten wie im richti­gen Leben. „Bei Son­derange­boten im Dis­counter laufen alle hin“, sagt Hen­drik Leber, Grün­der und Geschäfts­führer der Acatis‐Vermögensverwaltung. „Wenn die Kurse von Aktien an der Börse sinken, machen dage­gen viele Inve­storen um alle Titel einen großen Bogen.“

Im Einkauf liegt der Gewinn

Es gibt dur­chaus Gründe, bei fal­l­en­den Kursen aufzuhorchen – etwa dann, wenn ein ein­stiger Börsen­star abstürzt, weil der Vor­stand strate­gis­che Fehler gemacht hat. Oder wenn das Geschäftsmod­ell des Unternehmens nicht mehr in die Zeit passt. „Oft aber wird der wahre Wert des Unternehmens vom Markt nicht erkan­nt. Dann ist die Aktie im besten Sinne des Wortes preiswert“, sagt Tom Stubbe Olsen, Man­ag­er des Nordea 1 – Euro­pean Val­ue Fund. Value‐Investoren wie Leber und Stubbe Olsen gehen davon aus, dass Aktien im Regelfall zwei Bew­er­tun­gen haben.

  • Der aktuelle Mark­twert an der Börse spiegelt dabei wider, wie wertvoll die Masse der Anleger das Unternehmen ger­ade ein­schätzt. Bei dieser Ein­schätzung ist mitunter viel Zukun­fts­fan­tasie enthal­ten. Diese Fan­tasie kann sich später real­isieren, sie muss es aber nicht.
  • Der faire Wert dage­gen hat die Fan­tasie sozusagen her­aus­gerech­net. Er entspricht dem Gesamtwert der Einzel­teile eines Unternehmens. Dieser Wert würde erlöst wer­den, wenn das Unternehmen in Einzel­teilen verkauft würde.

Was ist Value Investing?

Value‐Investoren sind die Spürhunde und Trüf­fel­such­er im Börsen­geschehen. Sie ver­trauen auf eine beson­ders inten­sive Fun­da­men­ta­l­analyse der Unternehmen und fah­n­den nach Titeln mit Ertrag und Sub­stanz zum Vorzugspreis. Ben­jamin Gra­ham, US-amerikanis­ch­er Wirtschaftswis­senschaftler und beg­nade­ter Aktien­an­a­lyst, gilt seit den 1930er‐Jahren als Begrün­der des Value‐Ansatzes. Er stellte damals zehn gold­ene Bew­er­tungsregeln auf:

Zehn goldene Bewertungsregeln

  • Das Gewinn-zu-Kurs-Ver­hält­nis sollte min­destens dop­pelt so hoch sein wie die Ren­dite ein­er AAA-Anlei­he.
  • Das Kurs-Gewinn-Ver­hält­nis (KGV) sollte weniger als ca. 40 % des höch­sten KGV der zurück­liegen­den fünf Jahre aus­machen.
  • Die Div­i­den­den­ren­dite sollte min­destens zwei Drit­tel der Ren­dite ein­er AAA-Anlei­he aufweisen.
  • Das Kurs-Buch­w­ert-Ver­hält­nis sollte möglichst zwei Drit­tel nicht über­steigen.
  • Die Mark­tkap­i­tal­isierung sollte max­i­mal ca. zwei Drit­tel des Net­toum­laufver­mö­gens betra­gen.
  • Das Fremd­kap­i­tal sollte das Eigenkap­i­tal nicht über­steigen.
  • Das Umlaufver­mö­gen sollte min­destens dop­pelt so hoch sein wie die kurzfristi­gen Verbindlichkeit­en.
  • Das Fremd­kap­i­tal sollte nicht mehr als das Dop­pelte des Net­toum­laufver­mö­gens betra­gen.
  • Das durch­schnit­tliche Gewin­nwach­s­tum der let­zten zehn Jahre sollte min­destens 7 % aus­machen.
  • Inner­halb der zurück­liegen­den zehn Jahre darf der Gewinn max­i­mal zweimal um 5 % oder mehr gegenüber dem Vor­jahr zurück­ge­gan­gen sein.

Val­ue-Inve­storen greifen zu, wenn eine deut­liche Mehrheit dieser Regeln bei einem Unternehmen erfüllt wird. Gra­hams erfol­gre­ich­ster Schüler ist heute noch aktiv. Er heißt War­ren Buf­fett und gehört seit vie­len Jahren dank sein­er Hold­ing Berk­shire Hath­away zu den fünf reich­sten Men­schen der Welt.

Worauf achten Value-Investoren?

Aktien, die unter ihrem fairen Wert rang­ieren, sind für Value‐Investoren inter­es­sant. Für einen Verkauf mit Gewinn reicht es dann schon aus, wenn zukün­ftig mehr Anleger das Poten­zial der Aktien ent­deck­en und investieren. Auf der anderen Seite fall­en Kursrückschläge geringer aus, wenn die Bew­er­tung zuvor nicht aufge­blasen war. Tom Stubbe Olsen sucht Aktien, deren Kurs min­destens 40 % unter dem fairen Wert liegt. Klas­sis­che Value‐Werte weisen danach neben sta­bilen, langfristig tragfähi­gen Geschäftsmod­ellen zudem auf:

  • ein niedriges Kurs‐Gewinn‐Verhältnis (KGV),
  • ein attrak­tives Kurs‐Buchwert‐Verhältnis (KBV),
  • hohe und kon­stante Div­i­den­den­ren­diten.

Was ist das Kurs‐Gewinn‐Verhältnis (KGV)?

Das Kurs‐Gewinn‐Verhältnis ist die bekan­nteste Kenn­zahl. Sie wird errech­net, indem der Kurs ein­er Aktie durch den Unternehmensgewinn je Aktie geteilt wird. Bei einem Aktienkurs von 60 Euro und einem Gewinn je Aktie von 8 Euro liegt das KGV bei 7,5. Kurs‐Gewinn‐Verhältnisse von unter zehn gel­ten als gün­stig. Aber sie sind mitunter auch mit Vor­sicht zu betra­cht­en, denn diese Kenn­zahl wird auf­grund der erwarteten Gewinne geschätzt. Aktuell acht­en die Anleger auf das KGV 2019. Aber der Gewinn des Jahres 2019 ist natür­lich längst nicht gesichert.

KGV
Aktienkurs geteilt durch den Gewinn pro Aktie

Das KGV lebt deshalb auch stark von Ver­gle­ichen. So wird das aktuelle KGV ein­er Aktie regelmäßig mit ihren his­torischen KGV‐Werten ver­glichen. Starke Abwe­ichun­gen kön­nen durch erhe­blich gestiegene Gewin­naus­sicht­en oder herbe Gewin­nein­brüche begrün­det sein – oder aber auf ein­er Unter­be­w­er­tung oder Über­be­w­er­tung der Aktie beruhen. Wichtige Hin­weise auf die Attrak­tiv­ität ein­er Aktie liefert auch der Ver­gle­ich inner­halb ein­er Branche. Bei zwei ähn­lich starken Unternehmen ziehen Value‐Investoren meist das Unternehmen mit dem gerin­geren KGV vor.

Was ist das Kurs‐Buchwert‐Verhältnis (KBV)?

Auf das KGV schauen fast alle Anleger, das Kurs‐Buchwert‐Verhältnis (KBV) aber ist Value‐Investoren beson­ders wichtig. Diese Kenn­zahl set­zt dem Aktienkurs den Buch­w­ert je Aktie gegenüber, der in der Unternehmens­bi­lanz aus­gewiesen wird. Den Buch­w­ert würde das Unternehmen erzie­len, wenn es aufgelöst und sämtliche Ver­mö­genswerte zu Mark­t­preisen verkaufen würde. Abge­zo­gen wer­den davon die Fir­men­schulden.

KBV
Kurs pro Aktie geteilt durch den Buch­w­ert pro Aktie

Je höher der KBV‐Wert, desto teur­er ist ein Unternehmen. Ein KBV unter eins dage­gen ist für Value‐Investoren ein stark­er Kau­fan­reiz. Der Grund: Das Unternehmen ist dann an der Börse weniger wert als die Summe sein­er Einzel­teile. Ein niedriges KBV allein reicht dage­gen nicht für eine Kaufempfehlung, denn es kann unter­schiedliche Ursachen haben: Mal haben sich die Ren­diteaus­sicht­en ver­schlechtert, mal ist ein Unternehmen unter­be­w­ertet, weil es von den Anlegern noch nicht ent­deckt wurde.

Konstante Dividendenrendite

Val­ue ohne eine regelmäßige Div­i­dende ist nicht vorstell­bar; denn zu einem werthalti­gen Unternehmen gehören regelmäßige, kalkulier­bare Auss­chüt­tun­gen. Val­ue-Inve­storen stellen deshalb an die Div­i­den­den­poli­tik klare Ansprüche. Die Auss­chüt­tun­gen soll­ten sehr regelmäßig und nicht aus der Sub­stanz erfol­gen. Die absolute Höhe der Div­i­dende ist dabei weniger entschei­dend als eine kon­stante Entwick­lung der Auss­chüt­tun­gen. Ins­beson­dere Div­i­den­denkürzun­gen oder gar Div­i­den­de­naus­fälle schreck­en Val­ue-Inve­storen ab.

Div­i­den­den­ren­dite
(Div­i­dende geteilt durch aktuellen Aktienkurs) x 100 %

Das Gesamtbild zählt

Eine einzige attrak­tive Kennz­if­fer genügt Value‐Investoren nicht. Erst wenn sich niedriges KGV, attrak­tives KBV und gute Div­i­den­den­ren­diten paaren, gilt die Investi­tion als inter­es­sant. Meist liegen sie damit richtig, wie die langfristige Wer­ten­twick­lung der Anla­gen anerkan­nter Value‐Investoren wie Leber, Buf­fett oder Stubbe Olsen zeigt. Irrtümer aber sind möglich. Im Jahr 2011 etwa gal­ten die Ver­sorg­er E.ON und RWE wegen ihrer attrak­tiv­en Kenn­zahlen und ver­meintlich sta­bilen Geschäftsmod­elle als sichere Investi­tion. Dann kamen der Reak­torun­fall in Fukushi­ma und die Energiewende, die die Rah­menbe­din­gun­gen mas­siv änderten und die Kurse der Ver­sorg­er nach­haltig drück­ten. In der Mitte des Jahrzehnts erschienen Auto­mo­bi­lak­tien beson­ders attrak­tiv. Dann fol­gten Diesel­skan­dale und die Debat­ten über E-Mobil­ität und autonomes Fahren, die die Kurse der Konz­erne auf Tal­fahrt schick­ten.