Serie Anlagestrategien: Momentum

Serie Anlagestrategie Auf starke Aktien setzen

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Die Momentum‐Strategie hil­ft, trend­starke Aktien zu erken­nen, und warnt zudem vor Kursrückschlä­gen. In trend­losen Märkten ist Vor­sicht geboten.

Aut­o­fahrer ken­nen das: Je schneller sie fahren, desto länger wird der Brem­sweg. Der sim­ple Zusam­men­hang lässt sich auch auf die Gel­dan­lage übertragen. Momentum‐Investoren set­zen deshalb auf Aktien und Märkte, die bere­its Fahrt aufgenom­men haben, weil diese Werte in der Regel nicht so schnell aus­ge­bremst wer­den. Im Gegen­teil: Die Wahrschein­lichkeit ist hoch, dass sie auch für län­gere Zeit auf der Überholspur bleiben wer­den. Der Grund: „An der Börse herrscht das Gesetz der Trendkontinuität“, erklärt Ralf Goerke, tech­nis­ch­er Ana­lyst und Autor des Börsenbriefes „Momen­tu­min­vestor“. „Davon können Anleger prof­i­tieren.“

Das Momentum nutzen

Stay with the trend – the trend is your friend. Vor allem Chart­tech­niker ver­trauen auf diese alte Börsenregel. Für die Analyse nutzen sie nicht nur Trendkanäle und Chart­for­ma­tio­nen, son­dern sich­ern sich zusätzlich durch Indika­toren ab. Ein wichtiger Indika­tor ist das soge­nan­nte Momen­tum, das Auskun­ft über die Qualität und die Stärke eines Trends gibt. Zur Berech­nung des Momen­tum-Indika­tors wird der aktuelle Kur­swert ins Verhältnis zu einem durch­schnit­tlichen Kursniveau der Ver­gan­gen­heit geset­zt. Han­delssys­te­men­twick­ler Goerke etwa nutzt den Hal­b­jahress­chnitt als Ver­gle­ichs­maßstab. Liegt der aktuelle Kurs über dem Kurs der Ver­gan­gen­heit, ist das Momen­tum größer eins – die Aktie befind­et sich in einem Aufwärtstrend. Ana­log sig­nal­isiert ein Momen­tum klein­er eins einen Abwärtstrend.

Wie wird das Momentum berechnet?

Die Def­i­n­i­tion des Momen­tums ist ein­fach: Vom heuti­gen Schlusskurs wird der Schlusskurs vor „n“ Tagen sub­trahiert. Für dieses „n“ kön­nen ver­schiedene Zahlen einge­set­zt wer­den. Bei null, 20 oder 30 Tagen wird eher das kurzfristige Momen­tum gemessen. Bei drei, sechs oder zwölf Monat­en han­delt es sich um das länger­fristige Momen­tum. Das Ergeb­nis ist eine Lin­ie, die um eine Nul­lachse schwankt. Liegt ein Punkt auf der Lin­ie über null, sind die Kurse aktuell höher als vor n Tagen oder Monat­en. Liegt der Punkt unter­halb der Mit­tellinie, lag der Kurs vor n Tagen oder Monat­en höher als heute – das Kursniveau hat sich also ver­schlechtert. Einige Ana­lysten berech­nen den Momen­tum-Indika­tor auch durch eine Divi­sion des aktuellen Schlusskurs­es durch den Schlusskurs vor n Tagen oder Monat­en und mul­ti­plizieren anschließend mit 100. Die Mit­telpunkt-Lin­ie liegt dann bei 100, die Ker­naus­sage ändert sich jedoch nicht.

Berechnung

Momen­tum
Aktueller Kurs minus Kurs am Tag n

Oder

Momen­tum
(Aktueller Kurs geteilt durch den Kurs am Tag n) x 100

Was sagt das Momentum aus?

Das Momen­tum gehört zu den gebräuch­lich­sten tech­nis­chen Analysemeth­o­d­en, auch weil die Berech­nung ein­fach ist. Mit dem Momen­tum kann nicht nur die Rich­tung ein­er Bewe­gung, son­dern auch die Stärke gemessen wer­den. Zudem ist das Momen­tum ein­er der weni­gen Indika­toren, die auf einen bevorste­hen­den Trendwech­sel hin­weisen. Denn wenn das Momen­tum geringer wird, ist Vor­sicht geboten: Oft wird der Schwung ein­er Aufwärts­be­we­gung mit dem eines Ball­wurfs ver­glichen. Die Beschle­u­ni­gung eines senkrecht gewor­fe­nen Balles ist zunächst sehr hoch, nimmt aber zunehmend ab. Schließlich kehrt sich der Schwung auf­grund der Erdanziehungskraft um und der Ball fällt zunehmend schnell zur Erde zurück. Ähn­lich ist es an der Börse in ein­er Hausse, die irgend­wann an Kraft ver­liert. Der Schwung der Aktienkurse wird mit dem Momen­tum-Indika­tor analysiert. Er zeigt die Rich­tung, aber auch die Geschwindigkeit der Auf- oder Abwärts­be­we­gung an.

Fol­gende Ereignisse wer­den sig­nal­isiert:

Es gibt einen pos­i­tiv­en Aufwärt­strend, der sich zulet­zt noch beschle­u­nigt hat.

Es gibt nach wie vor einen Aufwärt­strend, der sich zulet­zt aber abge­bremst hat – eine Trendwende (und ein Ausstiegssig­nal) kön­nten anste­hen.

Es gibt einen intak­ten Abwärt­strend, der sich zulet­zt beschle­u­nigt hat.

Ein Abwärt­strend ist nach wie vor intakt. Zulet­zt aber hat er sich ver­langsamt. Eine Trendwende nach oben (und ein Ein­stiegssig­nal) zeich­nen sich ab.

Wie lassen sich Trendphasen bestimmen und vergleichen?

Der Momen­tum-Indika­tor lässt sich für jede Aktie, für jeden Index und auch für Rohstoffe oder Devisen berech­nen. „Dadurch wer­den die ver­schiede­nen Märkte ver­gle­ich­bar, und Anleger können in die trendstärksten Aktien und Märkten investieren“, erk­lärt Ralf Goerke. Die Momen­tum-Invest­mentstrate­gie bezieht sich auf die The­o­rie der „rel­a­tiv­en Stärke“, die der Amerikan­er Robert A. Levy entwick­elt hat. Er investierte jew­eils in die 10 % der Aktien, die sich in der Ver­gan­gen­heit am besten entwick­elt hat­ten. Ger­ade in schwachen Märk­ten, die von poli­tis­chen oder wirtschaftlichen Schocks verur­sacht wer­den, ist das aber eine gewagte Strate­gie. Denn wenn die Börsen auf Tal­fahrt gehen, wer­den meist alle Werte mit nach unten gezo­gen. Und schlim­mer noch: Manch­mal sind die größten Ver­lier­er dann genau jene Aktien, die in der vorheri­gen Auf­schwung­phase am besten abgeschnit­ten hat­ten: Dafür gibt es mehrere Beispiele:

  • High­tech-Aktien, Inter­netwerte und Start-ups waren vor der Jahrtausendwende am stärksten nach oben gezo­gen – genau mit diesen Aktien ver­loren Anleger nach dem Platzen der Dot­com-Blase am meis­ten Geld. Der DAX etwa büßte damals rund drei Vier­tel seines Wertes ein. Schlimm genug, aber der Nemax 50 mit den Werten des Neuen Mark­tes sog­ar weit über 95 %.
  • Mit inter­na­tionalen, vor allem aber deutschen Finanzw­erten erg­ing es Anlegern ein paar Jahre später ähn­lich. Die Branche hat­te ordentlich Fahrt aufgenom­men, bevor die US‐Immobilienblase platzte und die Insol­venz der US‐Bank Lehman Broth­ers das Finanzsys­tem an den Rand des Abgrun­des brachte. Weltweit brachen die Börsen ein, mit deutschen Finanzw­erten aber ver­loren Anleger beson­ders viel Geld. Inzwis­chen ist die Com­merzbank sog­ar aus dem DAX aus­geschieden.
  • Die deutschen Ver­sorg­er gal­ten in und nach der Finanzkrise als sta­bil­ste Aktien. Deren Geschäftsmod­ell, das auf Atom­strom und kon­ven­tionellen Kohlekraftwerken basierte, ging aber durch die Energiewende ver­loren. Die ein­st­mals wertvoll­ste DAX-Aktie E.ON ist inzwis­chen weit zurück­ge­fall­en, eben­so wie RWE.

Vorsicht ist in trendlosen Wackelmärkten angebracht

Manch­mal kom­men tech­nis­che Auswahlver­fahren wie die Momen­tum-Strate­gie an ihre Gren­zen: „Das Momen­tum eignet sich nicht in jed­er Mark­t­phase als Auswahlkri­teri­um“, gibt Goerke zu. „In starken Trendmärkten können Momentum‐Investoren überproportional prof­i­tieren. Weniger Erfolg ver­spricht der Ansatz in tur­bu­len­ten und schwankungsin­ten­siv­en Börsenphasen.“ Wenn die Kurse über län­gere Zeiträume stark pen­deln, wer­den näm­lich zu viele Fehlsig­nale gener­iert. In solchen Wack­elmärk­ten bringt eine sorgfältige Einzeltite­lauswahl nach Val­ue- oder Div­i­den­den­strate­gie in der Regel bessere Ergeb­nisse.