Fundamentalanalyse: Grundlagen & Kennzahlen zur Bewertung von

Basiskennzahlen der Fundamentalanalyse Unternehmen kritisch bewerten

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Drum prü­fe, wer sich bin­det: Wie Sie Unter­neh­men vor dem Akti­en­kauf durch­leuch­ten und bewer­ten.

Im Sep­tem­ber 2018 wur­den bei Solar­world im säch­si­schen Frei­berg die Anla­gen abge­stellt. Nach der zwei­ten Insol­venz in Fol­ge bekam das chro­nisch knap­pe Unter­neh­men kei­ne Lie­fe­run­gen mehr. Zehn Jah­re zuvor hat­te der cha­ris­ma­ti­sche Solar­world-Grün­der Frank Asbeck sogar dem ame­ri­ka­ni­schen Auto­kon­zern Gene­ral Motors die Mar­ke Opel abkau­fen wol­len. Doch die Hybris des Unter­neh­mers, der mit Solar­world damals auf dem Sprung in den DAX stand, war der Anfang vom Ende. Fal­sche Ein­schät­zung, sin­ken­de Solar­för­de­rung in Deutsch­land und die chi­ne­si­sche Bil­lig­kon­kur­renz nag­ten zuneh­mend an der Bilanz. Zuletzt war die Aktie des einst größ­ten deut­schen Solar­zel­len-Her­stel­lers rund 13 Cent wert. Zehn Jah­re zuvor notier­te sie noch bei 48 Euro – weit mehr als 99 % Ver­lust für die Anle­ger.

Böse Über­ra­schun­gen gibt es bei bör­sen­no­tier­ten Unter­neh­men immer wie­der. Manch­mal blei­ben für Anle­ger wie bei Solar­world allen­falls Pea­nuts – wie bei der vom dama­li­gen Kanz­ler Ger­hard Schrö­der nur kurz­zei­tig geret­te­ten Bau­fir­ma Holz­mann, am Neu­en Markt bei EM.TV oder auch bei der ame­ri­ka­ni­schen Bank Leh­man Bro­thers. In eini­gen Fäl­len waren Bilanztrick­se­rei­en der Grund für den Zusam­men­bruch, in ande­ren „nur“ feh­ler­haf­te oder über­op­ti­mis­ti­sche Unter­neh­mens­be­wer­tun­gen.

Ziel der Fundamentalanalyse: Risiken reduzieren!

Hät­ten die Anle­ger es bes­ser wis­sen kön­nen? Ganz aus­schlie­ßen las­sen sich Risi­ken bei der Akti­en­an­la­ge nicht, aber Inves­to­ren kön­nen die­se Risi­ken auf ein kal­ku­lier­ba­res Maß redu­zie­ren. Das wich­tigs­te Werk­zeug zur Bewer­tung von Akti­en ist die Fun­da­men­tal­ana­ly­se: „Wer ein Unter­neh­men gründ­lich durch­leuch­tet, bevor er die Akti­en kauft, kann eini­ge Fall­stri­cke umge­hen“, sagt Win­fried Wal­ter, Vor­stand der Schnei­der, Wal­ter und Kol­le­gen Ver­mö­gens­ver­wal­tung AG.

Basiskennzahlen der Fundamentalanalyse

Ziel der Fun­da­men­tal­ana­ly­se ist die Berech­nung des „fai­ren Wer­tes“ (Value) eines Unter­neh­mens und sei­ner Akti­en. Um die­sen zu ermit­teln, prü­fen Anla­ge­pro­fis wie Win­fried Wal­ter in der Fun­da­men­tal­ana­ly­se zahl­rei­che Kenn­zif­fern. Die Basis­kenn­zah­len sind dabei

  •  das Kurs-Gewinn-Ver­hält­nis, (KGV)
  •  die Gewinn­ren­di­te,
  •  die Divi­den­den­ren­di­te.

Was ist das KGV?

Das Kurs-Gewinn-Ver­hält­nis (eng­lisch: Pri­ce Ear­nings Ratio, kurz: PE) ist die Mut­ter aller Kenn­zah­len. Das KGV wird wie folgt berech­net: Kurs je Aktie geteilt durch Gewinn je Aktie. Ein Bei­spiel: Aktie Y kos­tet 80 Euro. Der Gewinn liegt bei 5 Euro. Die Rech­nung lau­tet:

KGV Aktie Y
80 Euro/5 Euro = 16

Das KGV ist für sich genom­men wenig aus­sa­ge­kräf­tig. Auf­mer­ken soll­ten Anle­ger, wenn das KGV von einem Jahr auf das ande­re stark fällt oder steigt. Rein rech­ne­risch steigt die Kenn­zahl, wenn der Kurs bei gleich­blei­ben­dem Gewinn anzieht. Oder wenn der Gewinn bei gleich­blei­ben­dem Kurs ein­bricht. Mög­li­che Ursa­chen sind

  •  Aus­sich­ten auf stei­gen­de Gewin­ne, die bereits im Kurs ein­ge­preist sind,
  •  ein­ma­li­ge Restruk­tu­rie­rungs­kos­ten, die den Gewinn aktu­ell belas­ten,
  •  explo­die­ren­de lau­fen­de Kos­ten, die den Gewinn dau­er­haft belas­ten.

Die Kenn­zif­fern vari­ie­ren zudem von Bran­che zu Bran­che und von Land zu Land. Kon­sum­wer­ten mit sta­bi­lem Geschäft und star­ken Mar­ken­na­men etwa wird tra­di­tio­nell ein höhe­res KGV zuge­bil­ligt als der zykli­schen Auto­mo­bil­in­dus­trie. Im Län­der­ver­gleich liegt das KGV US-ame­ri­ka­ni­scher Unter­neh­men meist über dem euro­päi­scher Unter­neh­men.

Die Bewer­tun­gen kön­nen aber auch stei­gen, weil es kei­ne oder nur weni­ge Anla­ge­al­ter­na­ti­ven gibt. Im aktu­el­len Zins­tief sind bei­spiels­wei­se nicht nur die Prei­se von Immo­bi­li­en, son­dern auch von Akti­en im Schnitt gestie­gen. Wer sich vor bösen Über­ra­schun­gen schüt­zen möch­te, soll­te auf Kon­ti­nui­tät bei Umsatz, Ertrag und Cash­flow ach­ten. Aus­rei­ßer müs­sen dann ganz genau unter die Lupe genom­men wer­den, bevor ein Urteil über Qua­li­tät und Per­spek­ti­ven mög­lich ist. Wich­ti­ge Infor­ma­tio­nen offen­bart auch ein Blick in den Geschäfts­be­richt. „Unter­neh­men, die in der Kri­se sofort die Aus­ga­ben für For­schung und Ent­wick­lung kür­zen, kom­men für uns nicht infra­ge“, sagt Wal­ter. „Denn dann wer­den für kurz­fris­ti­ge Gewinn­zie­le lang­fris­ti­ge Poten­zia­le ver­spielt.“

Wann ist das KGV aussagekräftig?

Beson­ders aus­sa­ge­kräf­tig ist die Kenn­zif­fer KGV im Bran­chen­ver­gleich. Sind zwei Unter­neh­men einer Bran­che ähn­lich auf­ge­stellt, ist das Unter­neh­men mit dem güns­ti­ge­ren KGV vor­zu­zie­hen. Das Pro­blem der Kenn­zif­fer: Sie basiert auf Pro­gno­sen. Denn der für die Berech­nung ver­an­schlag­te Gewinn wird geschätzt. Ende des Jah­res 2018 wird zum Bei­spiel ein Kurs-Gewinn-Ver­hält­nis 2019 aus­ge­wie­sen, das auf den durch­schnitt­li­chen Gewinn­schät­zun­gen zahl­rei­cher Ana­lys­ten beruht. Ob die Gewin­ne aber wirk­lich so aus­fal­len wer­den oder durch Unter­neh­mens- oder Wirt­schafts­kri­sen beein­träch­tigt wer­den, steht dahin.

Was ist die Gewinnrendite?

Aus­kunft über die Ver­zin­sung des Kapi­tal­ein­sat­zes gibt die soge­nann­te Gewinn­ren­di­te – sie ist die Inver­se des KGV. Für die Berech­nung wird der Gewinn pro Aktie ins Ver­hält­nis zum Kurs gesetzt und das Ergeb­nis mit 100 % mul­ti­pli­ziert. Wie im obi­gen Bei­spiel notiert die Aktie Y bei 80 Euro und der Gewinn liegt bei 5 Euro. Die Rech­nung lau­tet dann:

Gewinn­ren­di­te Aktie Y:
(5 Euro / 80 Euro) x 100 % = 0,0625 x 100 % = 6,25 %

Mit der Gewinn­ren­di­te kön­nen Akti­en unter­ein­an­der ver­gli­chen wer­den. Sie ist aber auch ein wich­ti­ger Maß­stab beim Ver­gleich der Akti­en­an­la­ge mit einer Ren­ten­pa­pier­an­la­ge. Gewinn­ren­di­ten von 6,25 % wie im durch­aus rea­lis­ti­schen Bei­spiel sind mit fest­ver­zins­li­chen Wert­pa­pie­ren guter Boni­tät schon seit Jah­ren nicht mehr zu errei­chen.

Was ist die Dividendenrendite?

Trüf­fel erken­nen Inves­to­ren auch an der Divi­den­den­ren­di­te. Die Divi­den­de ist der Anteil des Jah­res­ge­winns, den die Aktio­nä­re bekom­men, weil sie dem Unter­neh­men Eigen­ka­pi­tal zur Ver­fü­gung stel­len. Die Divi­den­de wird in eini­gen Län­dern pro Quar­tal aus­ge­schüt­tet. In Deutsch­land dage­gen ist die jähr­li­che Aus­schüt­tung üblich. Die Divi­den­de ähnelt den Zins­aus­schüt­tun­gen von Bun­des­an­lei­hen. Aller­dings gibt es einen wesent­li­chen Unter­schied zu Fest­ver­zins­li­chen: Divi­den­de gibt es nur, wenn das Unter­neh­men auch Gewin­ne erzielt. Die For­mel zur Berech­nung: Divi­den­den­ren­di­te geteilt durch den aktu­el­len Akti­en­kurs mal 100 %. Bei einer Aus­schüt­tung von 2 Euro für die oben genann­te Aktie ergibt sich:

Divi­den­den­ren­di­te Aktie Y:
(2 Euro / 80 Euro) x 100 % = 0,025 x 100 % = 2,5 %

Vie­le Inves­to­ren ach­ten dar­auf, dass die Aus­schüt­tun­gen lang­fris­tig kon­stant sind und mög­lichst stei­gen. Vor­sicht ist dage­gen gebo­ten, wenn die Divi­den­den­ren­di­te stark schwankt oder ein­ma­lig in die Höhe schießt. Hier wird der Anle­ger even­tu­ell auf Kos­ten von Zukunfts­in­ves­ti­tio­nen bedacht. Bei star­ken Kurs­an­stie­gen dage­gen sinkt zwar die Divi­den­den­ren­di­te. Dafür sind Anle­ger dann dank des Kurs­ge­winns im Plus.