Hans-Dieter Schulz, Mitherausgeber der 'Hoppenstedt-Charts' und L. Mathes analysieren für compass die Weltbörsen

Analyse von H.-D. Schulz DAX: Konsolidierung voraus

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Hans‐Dieter Schulz

Der Mitherausgeber der Hoppenstedt‐Charts und L. Mathes analysieren für das Magazin die Weltbörsen.

Gestützt von Zinssenkungsspekulationen in den USA legten die Aktienmärkte wieder zu. Doch zuvor hatte der DAX seinen Aufwärtstrendkanal nach unten gebrochen. Wie es weitergehen könnte.

Die Richtung an den Börsen wird in erstaunlichem Maße nicht mehr nur von den kunstvoll verklausulierten Formulierungen der US‐Notenbank, sondern immer intensiver von Twitter‐Nachrichten des amerikanischen Präsidenten beeinflusst. Erst machte Donald Trump die Hoffnungen auf einen von ihm selbst angekündigten „großartigen Deal“ mit China im Zoll‐ und Handelsstreit zunichte, dann legte er mit Forderungen in Richtung Mexiko nach. Zudem hatte Trump den chinesischen Netzwerkausrüster und Hardwarekonzern Huawai Mitte März auf eine schwarze Liste von Unternehmen gesetzt.

Infolge dieser Nachrichten durchbrach der DAX im Mai seinen bestehenden Aufwärtstrend bei rund 12.000 Punkten nach unten. Vor einer Woche kam dann die Kehrtwende: Mexiko sagte noch nicht näher definierte Hilfe bei der Eindämmung der illegalen Migration über die gemeinsame Grenze mit den USA zu, und Trump setzte zudem die bereits sehr konkret angedrohten stark erhöhten Zölle gegen chinesische Importe bis zum G‐20‐Gipfel Ende dieses Monats aus.

Warnsignal vonseiten der Zinsstruktur

Der DAX eroberte daraufhin mit einer kurzen Rally die Marke von 12.000 Punkten zurück und bewegt sich auch wieder in seinem zuvor kurzzeitig verlassenen Aufwärtstrendkanal, der in der Grafik bei derzeit 12.100 Punkten grün eingezeichnet ist. Doch Anleger sollten sich klarmachen, dass politisch beeinflusste Trends an den Börsen nur von kurzer Dauer sind. Auf mittlere Sicht interessieren die Investoren neben der erzielbaren Rendite am Anleihemarkt vor allem die zu erwartenden Gewinne im Unternehmenssektor. Und da sieht es für die exportlastigen deutschen DAX‐Konzerne mittelfristig eher verhalten aus. Hinzu kommt ein inzwischen unübersehbares Warnsignal vonseiten der Zinsstruktur, die den Unterschied zwischen lang laufenden zehnjährigen Staatsanleihen und den Zinsen für kurzfristig geparktes Kapital mit staatlicher Ausfallgarantie vergleicht. Wer sein Kapital längerfristig bindet, erwartet auch eine höhere Rendite. Doch in den USA hat sich das Verhältnis gerade umgekehrt: Zehnjährige T‐Notes sind so gefragt, dass sie niedriger rentieren als 13‐wöchige T‐Bills. Sogar 30‐jährige Anleihen werfen kaum mehr ab. Eine solche Zinsinversion ist erfahrungsgemäß ein klarer Indikator für eine bevorstehende Rezession auf Sicht der nächsten sechs bis zwölf Monate.

Anleger sollten erneute Rücksetzer einkalkulieren

Von diesem mittelfristigen Indikator abgesehen, werden Dow und DAX aktuell vor allem gestützt von der vagen Hoffnung, dass der von den USA angestoßene Handelskrieg vielleicht doch nicht so fundamentale Veränderungen für die Unternehmen mit sich bringen möge. Ferner von dem Problem, das jeder Anleger inzwischen sattsam kennt: Es mangelt weiterhin an Rendite versprechenden Anlagealternativen für freies Kapital. Dem weiteren DAX‐Anstieg entgegen steht ein historisch hohes Kurs‐Gewinn‐Verhältnis bei den Aktien und eine historisch hohe Verschuldung aufseiten der Unternehmen und der Staaten. Vorlaufende Indikatoren wie das Luft‐ und Seefrachtfrachtvolumen gehen schon seit Anfang des Jahres zurück, die Beschäftigungszahlen in den USA kamen zuletzt dann auch noch sehr schwach herein. Der jüngste Anstieg am Aktienmarkt ist also erfreulich, aber meines Erachtens zu ambitioniert, um nachhaltig sein zu können. Der DAX hat kurzfristig noch Aufwärtspotenzial bis in den Bereich des letzten Hochs bei 12.413 Zählern, aus dem sich ein Widerstand ableitet. Dann sollten Anleger aber einen erneuten Rücksetzer einkalkulieren, was eine mögliche Seitwärtsbewegung wahrscheinlich macht, beispielsweise oberhalb der nächsttieferen Unterstützungszone, die zwischen 11.500 und 11.750 Punkten grau eingezeichnet ist.

Anleger können den aktuellen Anstieg dazu nutzen, das Depot bei exportorientierten Werten aus dem Auto‐ und Maschinenbau und bei den durch die Niedrigzinsen bedrohten Bank‐ und Versicherungswerten etwas zu verschlanken und stattdessen mehr auf konjunkturresistentere Branchen wie Telekom, Medizin und Versorger zu setzen. Sollten die Kurse kräftiger einbrechen, werden womöglich auch die Edelmetalle wieder eine Renaissance erleben.

Referenzzeitraum: 11.06.2014 bis 11.06.2019
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