Brexit zusammengefasst – alle Optionen und Folgen

Der Brexit zusammengefasst Welche Optionen gibt es und womit müssen Kapitalanleger rechnen?

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Großbritannien wird die Europäische Union voraussichtlich Ende März verlassen. Der Brexit (kurz für „British Exit”) ist in aller Munde. Ob es zu einem geordneten, „weichen” Brexit kommt oder ob ein „harter” Brexit ohne Austrittsabkommen bevorsteht, ist noch unklar. Auch über verbindliche Regeln für die Zeit nach dem Ausstieg konnte man sich bisher nicht einigen. Welche Folgen haben ein weicher oder ein harter Brexit für Wirtschaft, Märkte und Menschen? Wie werden die Währungs‐ und Aktienkurse auf den britischen EU‐Austritt reagieren? Und wie können sich Anleger sinnvoll auf den Brexit vorbereiten? Der Brexit zusammengefasst: Wir geben Ihnen einen Überblick über die verschiedenen Ausstiegsoptionen und die jeweiligen Folgen.

Was bisher geschah – eine kurze Zusammenfassung des Brexits

Am 23. Juni 2016 votierten die britischen Wähler in einer Volksabstimmung mit denkbar knappen 52 % der abgegebenen Stimmen für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Vorausgegangen war ein emotional geführter Wahlkampf, in dem die Brexit‐Befürworter ein Ende der jährlichen Milliardenzahlungen an Brüssel und die britische Unabhängigkeit in Fragen der Handels‐, Industrie‐, Verbraucher‐ und Einwanderungspolitik forderten. Der ehemalige Premierminister Cameron, der für den Verbleib in der EU plädiert hatte, trat nach dem Referendum zurück, sein Amt übernahm die bisherige Innenministerin Theresa May.

Ende März 2017 informierte die britische Regierungschefin den Europäischen Rat formell über den Austritt Großbritanniens aus der EU, der am 29. März 2019 um 23 Uhr britischer Zeit in Kraft tritt, sofern keine Verschiebung vereinbart wird. Im November 2018 stellten May und die Europäische Union einen gemeinsamen Vertragsentwurf vor, der die Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien nach dem Brexit verbindlich regeln soll. Unterzeichnet wurde dieses Abkommen bisher allerdings nur vom Rat der Europäischen Union. Das britische Parlament lehnt die Ratifizierung mit deutlicher Mehrheit ab und fordert May zu Nachbesserungen zugunsten Großbritanniens auf. Die EU lehnt dies jedoch ab.

Die bisherige Chronologie des Brexit

Im Referendum stimmt eine knappe Mehrheit für den Austritt aus der EU.

Premierminister David Cameron, der für den Verbleib in der EU geworben hatte, kündigt seinen Rücktritt an. Theresa May wird seine Nachfolgerin und soll den Austritt mit der EU verhandeln.

Theresa May reicht einen schriftlichen Antrag auf den EU‐Austritt ein. Der Ausstieg muss damit innerhalb von zwei Jahren geschehen.

Die EU‐Kommission in Brüssel beginnt erstmals mit den Verhandlungen über den Brexit.

Grenzkonflikte in Irland sollen mit dem „Backstop” verhindert werden: Als Lösung der Probleme soll Großbritannien noch mindestens 2 Jahre eine Zollunion mit der EU bilden und Nordirland weiterhin im Binnenmarkt der EU bleiben.

Theresa May legt ein konkretes Ausstiegskonzept vor. Innerhalb der Regierung herrscht Uneinigkeit, viele sind mit dem „Backstop“ nicht einverstanden. Die EU‐Kommission kritisiert, dass Großbritannien neun Monate vor dem geplanten Ausstieg noch immer keine klaren Ziele vorweisen kann.

Das Brexit‐Abkommen wird von allen 27 Mitgliedsstaaten der EU unterschrieben. Lediglich Großbritannien muss nun zustimmen.

Viele Politiker im britischen Parlament sind unzufrieden mit dem Vertrag, sie rufen zu einem Misstrauensvotum gegen Theresa May auf. May erhält 117 Gegenstimmen, damit bleibt sie Premierministerin.

Die Abstimmung im Parlament über das Abkommen mit der EU wird verschoben, weil Theresa May befürchtet, dass es keine absolute Mehrheit gewinnen würde.

May erhält lediglich 202 Stimmen für den Brexit‐Vertrag. 432 Abgeordnete lehnen den Vertrag ab. May übersteht ein erneutes Misstrauensvotum und arbeitet an einem „Plan B“.

Nach erneuten Verhandlungen mit Brüssel gibt May ein leicht abgeändertes Austrittsabkommen zur Abstimmung ins Unterhaus. May scheitert mit 391 zu 242 Stimmen.

Bei den Änderungen ging es in erster Linie um den umstrittenen Backstop. Das Unterhaus stimmte daraufhin über den EU‐Austritt ohne Abkommen ab: Auch diese Option wurde abgelehnt. Seitdem wird die Verschiebung des Austrittes diskutiert.

Weicher Brexit: Austritt nach vereinbarten Regeln

Sollten die Briten das Austrittsabkommen doch noch akzeptieren, tritt eine bis Ende 2020 dauernde Übergangsphase ein. Während dieses Zeitraums gelten für Großbritannien weiterhin die Regeln der Europäischen Union: Das Land muss sich an die Personenfreizügigkeit und die EU‐Handelsverträge halten, hat allerdings keinerlei Mitspracherechte mehr in Brüssel. London müsste seine offenen finanziellen Verpflichtungen aus der Zeit der EU‐Mitgliedschaft in voller Höhe ausgleichen, während der Übergangsphase weiter EU‐Beiträge zahlen und sich auch nach 2020 an den langfristigen Lasten aus seiner Mitgliedszeit beteiligen, z.B. an der Altersversorgung der EU‐Beamten. Schätzungen zufolge geht es insgesamt um bis zu 60 Milliarden Euro, die Großbritannien im Fall eines weichen Brexits in den kommenden Jahren nach Brüssel überweisen müsste.

Einigt man sich tatsächlich auf die vorliegende Ausstiegsvereinbarung, können rund eine Million Briten in der Europäischen Union weiterhin wie bisher leben, das gleiche gilt umgekehrt für mehr als drei Millionen EU‐Bürger in Großbritannien. Sie dürfen arbeiten, studieren und Unternehmen gründen, aber auch Familienangehörige nachholen und Sozialleistungen des Gastlandes in Anspruch nehmen. Was jedoch noch nicht eindeutig geklärt ist: Die Grenze zwischen dem EU‐Mitglied Irland und dem zu Großbritannien gehörenden Nordirland soll für den Personen‐ und Warenverkehr dauerhaft ohne Kontrollen geöffnet bleiben, die genauen Bedingungen sollen später ausgehandelt werden. Wie eine EU‐Außengrenze ohne Personen‐ und Zollkontrollen praktisch realisiert werden kann, ist bisher allerdings unklar.

Harter Brexit: Und dann?

Stimmt das britische Parlament dem Austrittsvertrag nicht zu, droht ein ungeregelter, harter Brexit und Großbritannien wäre von jetzt auf gleich ein Nicht‐EU‐Staat. Die europäischen Erleichterungen im Personen‐, Waren‐ und Finanzverkehr fielen schlagartig weg, Briten in der EU und EU‐Bürger in Großbritannien bräuchten wieder Visa und Aufenthaltsgenehmigungen. Um die Folgen abzufedern, will Brüssel britischen Staatsangehörigen zwar visafreies Reisen bis zu 90 Tagen erlauben – aber nur, wenn London dies umgekehrt auch den Bürgern aller EU‐Staaten garantiert.

Gravierend sind die Folgen eines harten Brexits für die Wirtschaft: Mindestens kurzfristig wird der Warenaustausch zwischen Großbritannien und der EU vermutlich einbrechen. Waren müssten wieder verzollt und mit amtlichen Ursprungszeugnissen versehen werden, an den Grenzen käme es zu kilometerlangen Lkw‐Staus durch die erforderlichen Kontrollen, industrielle Lieferketten wären unterbrochen, zahlreiche Arbeitsplätze wären in Gefahr. EU‐Freihandelsabkommen mit Drittstaaten würden nach einem harten Brexit erst einmal nicht mehr für Großbritannien gelten und auf britische Exporte, etwa nach Japan oder Kanada, würden wieder Zölle erhoben werden. Tausende deutsche Unternehmen sind außerdem an britischen Firmen beteiligt oder unterhalten sogar Produktionsstätten auf der Insel, auch sie wären natürlich mit dem plötzlichen Wegfall der EU‐Erleichterungen konfrontiert.

Stichwort „Backstop”: Die ungelöste Irlandfrage

Die bisherige Zusammenfassung zum Brexit hat es bereits verdeutlicht: Die Grenze zwischen EU‐Mitglied Irland und dem britischen Nordirland wäre nach einem harten Brexit plötzlich eine EU‐Außengrenze mit Personenkontrollen, Grenzschutz und Zollabfertigung. Das jedoch wollen alle Beteiligten unbedingt vermeiden, zumal diese Grenze politisch sensibel ist: Bis in die 90er Jahre war es immer wieder zu bürgerkriegsartigen Konflikten zwischen den protestantischen Nordiren und ihren katholischen Nachbarn gekommen. Niemand möchte nun den in den letzten Jahren, auch dank offener Grenzen und gemeinsamer EU‐Mitgliedschaft erreichten Frieden ernsthaft riskieren.

Falls bis zum Austrittstermin keine praktikable Lösung für die Grenze zwischen Irland und Nordirland gefunden wird, soll der sogenannte „Backstop” greifen: Wünscht Großbritannien weiterhin eine offene irische Binnengrenze, muss es im Gegenzug einer Zollunion mit der EU zustimmen und sich im Warenverkehr an alle EU‐Regularien und Standards halten. Dennoch hätte Großbritannien kein Mitspracherecht, wenn die EU internationale Handelsabkommen vereinbart und könnte keine eigenen Freihandelsabkommen abschließen. Gegen eine solche Regelung leisten die Brexit‐Befürworter im britischen Unterhaus bislang erbittert Widerstand.

Wie wird sich der Währungskurs nach dem Brexit entwickeln?

Nach dem Brexit‐Referendum im Juni 2016 hatte das britische Pfund gegenüber dem Euro rund 10 % an Wert verloren, bis heute hat sich der Kurs nur mäßig erholt. Im Fall eines geregelten Austritts würde es voraussichtlich weniger zu weiteren, erheblichen Kursverluste kommen. Allerdings handelt es sich bei dem britischen EU‐Austritt um eine einmalige Situation – Voraussagen darüber, ob der Brexit langfristige Auswirkungen auf den Währungskurs hat, können nicht mit Sicherheit getroffen werden. Kommt es allerdings zu einem chaotischen Brexit ohne Austrittsvertrag, ist nach Prognose der Bank of England vorübergehend ein Kurssturz von 25 % oder mehr möglich. Deutsche Anleger, die in Pfund notierte britische Aktien, Staats‐ oder Unternehmensanleihen halten, sollten deshalb im Fall eines harten Brexit damit rechnen, dass es zu Kursverlusten kommen kann. Das gilt auch für pfundbasierte Zertifikate, Optionsscheine und CFDs – bei solchen Hebelprodukten könnte es sogar zum Totalverlust kommen, wenn der Kurs der Bezugswährung sinkt. Die langfristige Wirkung kann jedoch nicht vorausgesagt werden. Anleger sollten daher keine übereilten Entscheidungen treffen.

Wie werden die Aktienkurse auf den Brexit reagieren?

Im internationalen Vergleich ist die britische Wirtschaft zuletzt zurückgefallen, die Wachstumsrate liegt nur noch knapp im positiven Bereich. Als Ursache machen Analysten vor allem die zurückhaltende Investitionsneigung der Unternehmen aus Furcht vor einem harten Brexit aus. Der FTSE 100 als führender britischer Aktienindex zeigt sich zwar noch relativ unbeeindruckt. Die Turbulenzen nach einem chaotischen Ausstieg könnten die britische Wirtschaft aber in eine echte Rezession stürzen, auch ein Einbruch der Aktienkurse könnte eine mögliche Folge sein. Was bedeutet das für Anleger? Ein harter No‐Deal‐Brexit würde möglicherweise einen Börsenabsturz bewirken. Die Investition in britische Aktien wäre demzufolge aktuell hochspekulativ. Eine rasche Entspannung des Brexit‐Konflikts könnte dagegen eine positive Börsenentwicklung begünstigen, allerdings ist dennoch Vorsicht geboten. So rät auch die Verbraucherzentrale: Treffen Sie Entscheidungen in Ruhe. Langfristige Trendänderungen an Finanzmärkten sind nie vorhersehbar.

Auch an der deutschen Wirtschaft ginge ein chaotischer Brexit nicht spurlos vorüber, das ist klar: Großbritannien ist einer der wichtigsten Handelspartner. Waren und Dienstleistungen im Wert von jährlich rund 85 Milliarden Euro flossen in den letzten Jahren von Deutschland in das Königreich. Vorsicht geboten ist deshalb bei Aktien deutscher Unternehmen mit starkem Export‐Geschäft nach Großbritannien, die unter einer britischen Rezession und der Einführung von Handelsbarrieren überdurchschnittlich leiden würden. Betroffen wären Autohersteller und Maschinenbauer, aber auch die Elektronik‐ und die Pharmabranche. Kreditversicherer Euler Hermes prognostiziert für deutsche Exporteure nach dem ungeregelten Brexit allein im ersten Jahr Umsatzeinbußen von rund acht Milliarden Euro.

Wie sollten Anleger mit dem Brexit umgehen?

Grundsätzlich gilt: Bewahren Sie Ruhe und vermeiden Sie überstürzte Aktionen. Auch wenn bisher ungewiss ist, wie sich der britische EU‐Ausstieg gestalten wird, bedeutet das nicht, dass Sie sich als Anleger komplett zurückziehen oder britische Unternehmen meiden müssen. Informieren Sie sich stattdessen gut und bringen Sie in Erfahrung, welche Firmen trotz der politischen Lage stabil sind. Unternehmen, die vorausschauend geführt werden und über eine widerstandsfähige Marktposition und nachhaltige Einnahmequellen verfügen, können in der Regel gut mit Veränderungen umgehen bzw. sich darauf vorbereiten. Allerdings besteht Grund zur Vorsicht: ein Währungsrisiko und Kursverluste bei britischen Wertpapieren sind möglich.

Wertpapiere unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Bei Wertpapieren in ausländischer Währung kann es zu Wertverlusten durch Wechselkursveränderungen kommen. Dieser Text dient ausschließlich Informationszwecken und stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar.