Brexit zusammengefasst – alle Optionen und Folgen

Der Brexit zusammengefasst Welche Optionen gibt es und womit müssen Kapitalanleger rechnen?

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Der Bre­x­it ist ver­scho­ben: Nach aktu­el­ler Beschluss­la­ge wird das Ver­ei­nig­te König­reich die Euro­päi­sche Uni­on erst am 31. Okto­ber 2019 ver­las­sen. Damit wur­de ein „har­ter” Bre­x­it ohne Aus­tritts­ab­kom­men vor­erst abge­wen­det. Ob es bis zu dem neu­en Aus­tritts­ter­min aller­dings zu einer Eini­gung und damit zu einem geord­ne­ten, „wei­chen” Bre­x­it kommt, ist noch unklar. Um ein unge­ord­ne­tes Aus­schei­den aus der EU abzu­wen­den, ver­han­delt Pre­mier­mi­nis­te­rin May zwar wei­ter mit der oppo­si­tio­nel­len Labour-Par­tei um die Zustim­mung für ihren Aus­tritts­ver­trag. Aber bis­her hat das bri­ti­sche Par­la­ment bereits drei Mal gegen den Deal gestimmt – gestal­ten­de poli­ti­sche Mehr­hei­ten sind nicht in Sicht, ein Bre­x­it ohne Abkom­men wei­ter­hin mög­lich.

Auch über ver­bind­li­che Regeln für die Zeit nach dem Aus­stieg konn­te man sich bis­her nicht eini­gen. Wel­che Fol­gen haben ein wei­cher oder ein har­ter Bre­x­it für Wirt­schaft, Märk­te und Men­schen? Wie wer­den die Währungs‐ und Akti­en­kur­se auf den bri­ti­schen EU‐Austritt reagie­ren? Und wie kön­nen sich Anle­ger sinn­voll auf den Bre­x­it vor­be­rei­ten? Der Bre­x­it zusam­men­ge­fasst: Wir geben Ihnen einen Über­blick über die ver­schie­de­nen Aus­stiegs­op­tio­nen und die jewei­li­gen Fol­gen.

Was bisher geschah – eine kurze Zusammenfassung des Brexits

Am 23. Juni 2016 votier­ten die bri­ti­schen Wäh­ler in einer Volks­ab­stim­mung mit denk­bar knap­pen 52 % der abge­ge­be­nen Stim­men für den Aus­tritt Groß­bri­tan­ni­ens aus der Euro­päi­schen Uni­on. Vor­aus­ge­gan­gen war ein emo­tio­nal geführ­ter Wahl­kampf, in dem die Bre­x­it-Befür­wor­ter ein Ende der jähr­li­chen Mil­li­ar­den­zah­lun­gen an Brüs­sel und die bri­ti­sche Unab­hän­gig­keit in Fra­gen der Han­dels-, Indus­trie-, Ver­brau­cher- und Ein­wan­de­rungs­po­li­tik for­der­ten. Der ehe­ma­li­ge Pre­mier­mi­nis­ter Came­ron, der für den Ver­bleib in der EU plä­diert hat­te, trat nach dem Refe­ren­dum zurück, sein Amt über­nahm die bis­he­ri­ge Innen­mi­nis­te­rin The­re­sa May.

Ende März 2017 infor­mier­te die bri­ti­sche Regie­rungs­chefin den Euro­päi­schen Rat for­mell über den Aus­tritt Groß­bri­tan­ni­ens aus der EU, der am 29. März 2019 um 23 Uhr bri­ti­scher Zeit in Kraft tritt, sofern kei­ne Ver­schie­bung ver­ein­bart wird. Im Novem­ber 2018 stell­ten May und die Euro­päi­sche Uni­on einen gemein­sa­men Ver­trags­ent­wurf vor, der die Bezie­hun­gen zwi­schen der EU und Groß­bri­tan­ni­en nach dem Bre­x­it ver­bind­lich regeln soll. Unter­zeich­net wur­de die­ses Abkom­men bis­her aller­dings nur vom Rat der Euro­päi­schen Uni­on. Das bri­ti­sche Par­la­ment lehnt die Rati­fi­zie­rung mit deut­li­cher Mehr­heit ab und for­dert May zu Nach­bes­se­run­gen zuguns­ten Groß­bri­tan­ni­ens auf. Die EU lehnt dies jedoch ab. Schließ­lich wur­de der für den 29. März 2019 geplan­te EU-Aus­tritt zunächst auf den 12. April und im Anschluss auf einem Son­der­gip­fel der EU-Staa­ten auf den 31. Okto­ber ver­scho­ben. Dabei setzt aktu­ell vor allem die im Mai anste­hen­de Euro­pa­wahl das Ver­ei­nig­te König­reich unter Druck: Wenn das Par­la­ment den von May unter­zeich­ne­ten Aus­tritts­ver­trag wei­ter­hin nicht annimmt, müs­sen die Bri­ten an der Wahl teil­neh­men.

Der Brexit vor dem Hintergrund der Europawahlen

Die Euro­pa­wahl vom 23. bis 26. Mai 2019 gilt als ent­schei­den­des Ereig­nis für den geplan­ten Bre­x­it. Zwar ist es poli­tisch gese­hen unvor­stell­bar, dass die Bri­ten noch ein­mal dar­an teil­neh­men, aber als EU-Mit­glied ist dies für Groß­bri­tan­ni­en Pflicht. Der EU-Ver­trag regelt, dass alle Bür­ger der Mit­glied­staa­ten das Recht zur Teil­nah­me haben.

Nach­dem Groß­bri­tan­ni­en doch an der anste­hen­den Euro­pa­wahl teil­nimmt, wer­den 73 der 751 Man­da­te an Groß­bri­tan­ni­en ver­ge­ben. Die­se 73 Sit­ze gehen nach dem Bre­x­it jedoch ver­lo­ren und wer­den in die­sem Zuge teil­wei­se auf ande­re Mit­glied­staa­ten ver­teilt. Die Anzahl an Man­da­ten ver­rin­gert sich dadurch zunächst auf 705. Die ver­blei­ben­den Man­da­te wer­den für eine mög­li­che Erwei­te­rung zurück­ge­hal­ten.

Die bisherige Chronologie des Brexit

Im Refe­ren­dum stimmt eine knap­pe Mehr­heit für den Aus­tritt aus der EU.

Pre­mier­mi­nis­ter David Came­ron, der für den Ver­bleib in der EU gewor­ben hat­te, kün­digt sei­nen Rück­tritt an. The­re­sa May wird sei­ne Nach­fol­ge­rin und soll den Aus­tritt mit der EU ver­han­deln.

The­re­sa May reicht einen schrift­li­chen Antrag auf den EU-Aus­tritt ein. Der Aus­stieg muss damit inner­halb von zwei Jah­ren gesche­hen.

Die EU-Kom­mis­si­on in Brüs­sel beginnt erst­mals mit den Ver­hand­lun­gen über den Bre­x­it.

Grenz­kon­flik­te in Irland sol­len mit dem „Back­stop” ver­hin­dert wer­den: Als Lösung der Pro­ble­me soll Groß­bri­tan­ni­en noch min­des­tens 2 Jah­re eine Zoll­uni­on mit der EU bil­den und Nord­ir­land wei­ter­hin im Bin­nen­markt der EU blei­ben.

The­re­sa May legt ein kon­kre­tes Aus­stiegs­kon­zept vor. Inner­halb der Regie­rung herrscht Unei­nig­keit, vie­le sind mit dem „Back­stop“ nicht ein­ver­stan­den. Die EU-Kom­mis­si­on kri­ti­siert, dass Groß­bri­tan­ni­en neun Mona­te vor dem geplan­ten Aus­stieg noch immer kei­ne kla­ren Zie­le vor­wei­sen kann.

Das Bre­x­it-Abkom­men wird von allen 27 Mit­glieds­staa­ten der EU unter­schrie­ben. Ledig­lich Groß­bri­tan­ni­en muss nun zustim­men.

Vie­le Poli­ti­ker im bri­ti­schen Par­la­ment sind unzu­frie­den mit dem Ver­trag, sie rufen zu einem Miss­trau­ens­vo­tum gegen The­re­sa May auf. May erhält 117 Gegen­stim­men, damit bleibt sie Pre­mier­mi­nis­te­rin.

Die Abstim­mung im Par­la­ment über das Abkom­men mit der EU wird ver­scho­ben, weil The­re­sa May befürch­tet, dass es kei­ne abso­lu­te Mehr­heit gewin­nen wür­de.

May erhält ledig­lich 202 Stim­men für den Bre­x­it-Ver­trag. 432 Abge­ord­ne­te leh­nen den Ver­trag ab. May über­steht ein erneu­tes Miss­trau­ens­vo­tum und arbei­tet an einem „Plan B“.

Nach erneu­ten Ver­hand­lun­gen mit Brüs­sel gibt May ein leicht abge­än­der­tes Aus­tritts­ab­kom­men zur Abstim­mung ins Unter­haus. May schei­tert mit 391 zu 242 Stim­men.

Bei den Ände­run­gen ging es in ers­ter Linie um den umstrit­te­nen Back­stop. Das Unter­haus stimm­te dar­auf­hin über den EU-Aus­tritt ohne Abkom­men ab: Auch die­se Opti­on wur­de abge­lehnt. Seit­dem wird die Ver­schie­bung des Aus­trit­tes dis­ku­tiert.

Eine unab­hän­gi­ge Grup­pe ehe­ma­li­ger Labour- und Tory-Abge­ord­ne­ter bean­tragt eine zwei­te Volks­ab­stim­mung über den Ver­bleib des Ver­ei­nig­ten König­reichs in der EU. Das Unter­haus lehnt mit 334 Nein- zu 85 Ja-Stim­men ab, ein zwei­tes Refe­ren­dum ist damit erst ein­mal vom Tisch.

Zum drit­ten Mal schei­tert May mit dem Bre­x­it­ver­trag vor den Abge­ord­ne­ten. Der Aus­tritt aus der EU ist damit auf den 12. April ver­scho­ben wor­den, um mehr Zeit für eine Eini­gung zu fin­den. Aktu­ell dis­ku­tiert Groß­bri­tan­ni­en über eine Alter­na­ti­ve. Wird vor dem 12. April kein Vor­schlag ein­ge­reicht, droht der unge­ord­ne­te Bre­x­it.

Die EU-Mit­glie­der und May eini­gen sich auf den 31. Okto­ber 2019 als neu­es Aus­tritts­da­tum. Nimmt das Ver­ei­nig­te König­reich den Ver­trag bis dahin aller­dings nicht an, kommt es zum unge­re­gel­ten Aus­schei­den aus der EU.

The­re­sa May kün­digt ihren Rück­tritt als Pre­mier­mi­nis­te­rin und als Par­tei­che­fin der Tories an. Grund dafür sei, dass sie das bri­ti­sche Par­la­ment nicht von ihrem Aus­tritts­ab­kom­men habe über­zeu­gen kön­nen. Bis zur Wahl eines Nach­fol­gers will sie die Amts­ge­schäf­te noch wei­ter­füh­ren.

Als Noch-EU-Mit­glied nimmt Groß­bri­tan­ni­en an der Euro­pa­wahl teil. Kon­ser­va­ti­ve und Sozi­al­de­mo­kra­ten, die jahr­zehn­te­lang die bri­ti­sche Poli­tik domi­niert hat­ten, erzie­len kata­stro­pha­le Ergeb­nis­se. Kla­rer Sie­ger wird die Bre­x­it-Par­tei von Nigel Fara­ge, die fast ein Drit­tel der Wäh­ler­stim­men auf sich ver­ei­ni­gen kann.

Bre­x­it-Hard­li­ner Boris John­son über­nimmt das Amt des Regie­rungs­chefs von The­re­sa May — einen Tag zuvor war er zum Par­tei­füh­rer der Con­ser­va­ti­ve Par­ty gewählt wor­den. Schon in sei­ner Antritts­re­de stellt John­son klar, dass der Bre­x­it not­falls auch ohne Ver­trag mit der EU kom­men wird.

Um zu ver­hin­dern, dass sei­ne Bre­x­it-Plä­ne blo­ckiert wer­den, ver­ord­net John­son dem Par­la­ment eine fünf­wö­chi­ge Zwangs­pau­se ab 10.09.2019. Die Abge­ord­ne­ten sol­len erst Mit­te Okto­ber wie­der zusam­men­kom­men. Die Köni­gin als for­mel­les Staats­ober­haupt bestä­tigt die Maß­nah­me.

Die Oppo­si­ti­on im Unter­haus setzt mit knap­per Mehr­heit das “No-No-Deal-Gesetz” durch, das einen Bre­x­it ohne Abkom­men ver­hin­dern soll. Das Gesetz zwingt John­son, in Brüs­sel einen wei­te­ren Auf­schub des Aus­tritts bis Janu­ar 2020 zu bean­tra­gen, falls bis 19.10.2019 kein Aus­tritts­ver­trag rati­fi­ziert ist.

Am letz­ten Sit­zungs­tag vor der Zwangs­pau­se schei­tert John­son im Par­la­ment mit sei­nem Antrag auf eine Neu­wahl. Damit gibt es kei­ne Mög­lich­keit mehr für Neu­wah­len vor dem geplan­ten Bre­x­it-Ter­min am 31.10.2019.

Weicher Brexit: Austritt nach vereinbarten Regeln

Soll­ten die Bri­ten das Aus­tritts­ab­kom­men doch noch akzep­tie­ren, tritt eine bis Ende 2020 dau­ern­de Über­gangs­pha­se ein. Wäh­rend die­ses Zeit­raums gel­ten für Groß­bri­tan­ni­en wei­ter­hin die Regeln der Euro­päi­schen Uni­on: Das Land muss sich an die Per­so­nen­frei­zü­gig­keit und die EU-Han­dels­ver­trä­ge hal­ten, hat aller­dings kei­ner­lei Mit­spra­che­rech­te mehr in Brüs­sel. Lon­don müss­te sei­ne offe­nen finan­zi­el­len Ver­pflich­tun­gen aus der Zeit der EU-Mit­glied­schaft in vol­ler Höhe aus­glei­chen, wäh­rend der Über­gangs­pha­se wei­ter EU-Bei­trä­ge zah­len und sich auch nach 2020 an den lang­fris­ti­gen Las­ten aus sei­ner Mit­glieds­zeit betei­li­gen, z. B. an der Alters­ver­sor­gung der EU-Beam­ten. Schät­zun­gen zufol­ge geht es ins­ge­samt um bis zu 60 Mil­li­ar­den Euro, die Groß­bri­tan­ni­en im Fall eines wei­chen Bre­xits in den kom­men­den Jah­ren nach Brüs­sel über­wei­sen müss­te.

Einigt man sich tat­säch­lich auf die vor­lie­gen­de Aus­stiegs­ver­ein­ba­rung, kön­nen rund eine Mil­li­on Bri­ten in der Euro­päi­schen Uni­on wei­ter­hin wie bis­her leben, das glei­che gilt umge­kehrt für mehr als drei Mil­lio­nen EU-Bür­ger in Groß­bri­tan­ni­en. Sie dür­fen arbei­ten, stu­die­ren und Unter­neh­men grün­den, aber auch Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge nach­ho­len und Sozi­al­leis­tun­gen des Gast­lan­des in Anspruch neh­men. Was jedoch noch nicht ein­deu­tig geklärt ist: Die Gren­ze zwi­schen dem EU-Mit­glied Irland und dem zu Groß­bri­tan­ni­en gehö­ren­den Nord­ir­land soll für den Per­so­nen- und Waren­ver­kehr dau­er­haft ohne Kon­trol­len geöff­net blei­ben, die genau­en Bedin­gun­gen sol­len spä­ter aus­ge­han­delt wer­den. Wie eine EU-Außen­gren­ze ohne Per­so­nen- und Zoll­kon­trol­len prak­tisch rea­li­siert wer­den kann, ist bis­her aller­dings unklar.

Harter Brexit: Und dann?

Stimmt das bri­ti­sche Par­la­ment dem Aus­tritts­ver­trag nicht zu, droht ein unge­re­gel­ter, har­ter Bre­x­it und Groß­bri­tan­ni­en wäre von jetzt auf gleich ein Nicht-EU-Staat. Die euro­päi­schen Erleich­te­run­gen im Per­so­nen-, Waren- und Finanz­ver­kehr fie­len schlag­ar­tig weg, Bri­ten in der EU und EU-Bür­ger in Groß­bri­tan­ni­en bräuch­ten wie­der Visa und Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gun­gen. Um die Fol­gen abzu­fe­dern, will Brüs­sel bri­ti­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen zwar visa­frei­es Rei­sen bis zu 90 Tagen erlau­ben – aber nur, wenn Lon­don dies umge­kehrt auch den Bür­gern aller EU-Staa­ten garan­tiert.

Gra­vie­rend sind die Fol­gen eines har­ten Bre­xits für die Wirt­schaft: Min­des­tens kurz­fris­tig wird der Waren­aus­tausch zwi­schen Groß­bri­tan­ni­en und der EU ver­mut­lich ein­bre­chen. Waren müss­ten wie­der ver­zollt und mit amt­li­chen Ursprungs­zeug­nis­sen ver­se­hen wer­den, an den Gren­zen käme es zu kilo­me­ter­lan­gen Lkw-Staus durch die erfor­der­li­chen Kon­trol­len, indus­tri­el­le Lie­fer­ket­ten wären unter­bro­chen, zahl­rei­che Arbeits­plät­ze wären in Gefahr. EU-Frei­han­dels­ab­kom­men mit Dritt­staa­ten wür­den nach einem har­ten Bre­x­it erst ein­mal nicht mehr für Groß­bri­tan­ni­en gel­ten und auf bri­ti­sche Expor­te, etwa nach Japan oder Kana­da, wür­den wie­der Zöl­le erho­ben wer­den. Tau­sen­de deut­sche Unter­neh­men sind außer­dem an bri­ti­schen Fir­men betei­ligt oder unter­hal­ten sogar Pro­duk­ti­ons­stät­ten auf der Insel; auch sie wären natür­lich mit dem plötz­li­chen Weg­fall der EU-Erleich­te­run­gen kon­fron­tiert.

Stichwort “Backstop”: Die ungelöste Irlandfrage

Die bis­he­ri­ge Zusam­men­fas­sung zum Bre­x­it hat es bereits ver­deut­licht: Die Gren­ze zwi­schen EU-Mit­glied Irland und dem bri­ti­schen Nord­ir­land wäre nach einem har­ten Bre­x­it plötz­lich eine EU-Außen­gren­ze mit Per­so­nen­kon­trol­len, Grenz­schutz und Zoll­ab­fer­ti­gung. Das jedoch wol­len alle Betei­lig­ten unbe­dingt ver­mei­den, zumal die­se Gren­ze poli­tisch sen­si­bel ist: Bis in die 90er Jah­re war es immer wie­der zu bür­ger­kriegs­ar­ti­gen Kon­flik­ten zwi­schen den pro­tes­tan­ti­schen Nord­iren und ihren katho­li­schen Nach­barn gekom­men. Nie­mand möch­te nun den in den letz­ten Jah­ren, auch dank offe­ner Gren­zen und gemein­sa­mer EU-Mit­glied­schaft erreich­ten Frie­den ernst­haft ris­kie­ren.

Falls bis zum Aus­tritts­ter­min kei­ne prak­ti­ka­ble Lösung für die Gren­ze zwi­schen Irland und Nord­ir­land gefun­den wird, soll der soge­nann­te „Back­stop” grei­fen: Wünscht Groß­bri­tan­ni­en wei­ter­hin eine offe­ne iri­sche Bin­nen­gren­ze, muss es im Gegen­zug einer Zoll­uni­on mit der EU zustim­men und sich im Waren­ver­kehr an alle EU-Regu­la­ri­en und Stan­dards hal­ten. Den­noch hät­te Groß­bri­tan­ni­en kein Mit­spra­che­recht, wenn die EU inter­na­tio­na­le Han­dels­ab­kom­men ver­ein­bart und könn­te kei­ne eige­nen Frei­han­dels­ab­kom­men abschlie­ßen. Gegen eine sol­che Rege­lung leis­ten die Bre­x­it-Befür­wor­ter im bri­ti­schen Unter­haus bis­lang erbit­tert Wider­stand.

Wie wird sich der Währungskurs nach dem Brexit entwickeln?

Nach dem Bre­x­it-Refe­ren­dum im Juni 2016 hat­te das bri­ti­sche Pfund gegen­über dem Euro rund 10 % an Wert ver­lo­ren, bis heu­te hat sich der Kurs nur mäßig erholt. Im Fall eines gere­gel­ten Aus­tritts wür­de es vor­aus­sicht­lich weni­ger zu wei­te­ren, erheb­li­chen Kurs­ver­lus­te kom­men. Aller­dings han­delt es sich bei dem bri­ti­schen EU-Aus­tritt um eine ein­ma­li­ge Situa­ti­on – Vor­aus­sa­gen dar­über, ob der Bre­x­it lang­fris­ti­ge Aus­wir­kun­gen auf den Wäh­rungs­kurs hat, kön­nen nicht mit Sicher­heit getrof­fen wer­den. Kommt es aller­dings zu einem chao­ti­schen Bre­x­it ohne Aus­tritts­ver­trag, ist nach Pro­gno­se der Bank of Eng­land vor­über­ge­hend ein Kurs­sturz von 25 % oder mehr mög­lich. Deut­sche Anle­ger, die in Pfund notier­te bri­ti­sche Akti­en, Staats- oder Unter­neh­mens­an­lei­hen hal­ten, soll­ten des­halb im Fall eines har­ten Bre­x­it damit rech­nen, dass es zu Kurs­ver­lus­ten kom­men kann. Das gilt auch für pfund­ba­sier­te Zer­ti­fi­ka­te, Opti­ons­schei­ne und CFDs – bei sol­chen Hebel­pro­duk­ten könn­te es sogar zum Total­ver­lust kom­men, wenn der Kurs der Bezugs­wäh­rung sinkt. Die lang­fris­ti­ge Wir­kung kann jedoch nicht vor­aus­ge­sagt wer­den. Anle­ger soll­ten daher kei­ne über­eil­ten Ent­schei­dun­gen tref­fen.

Wie werden die Aktienkurse auf den Brexit reagieren?

Im inter­na­tio­na­len Ver­gleich ist die bri­ti­sche Wirt­schaft zuletzt zurück­ge­fal­len, die Wachs­tums­ra­te liegt nur noch knapp im posi­ti­ven Bereich. Als Ursa­che machen Ana­lys­ten vor allem die zurück­hal­ten­de Inves­ti­ti­ons­nei­gung der Unter­neh­men aus Furcht vor einem har­ten Bre­x­it aus. Der FTSE 100 als füh­ren­der bri­ti­scher Akti­en­in­dex zeigt sich zwar noch rela­tiv unbe­ein­druckt. Die Tur­bu­len­zen nach einem chao­ti­schen Aus­stieg könn­ten die bri­ti­sche Wirt­schaft aber in eine ech­te Rezes­si­on stür­zen, auch ein Ein­bruch der Akti­en­kur­se könn­te eine mög­li­che Fol­ge sein. Was bedeu­tet das für Anle­ger? Ein har­ter No-Deal-Bre­x­it wür­de mög­li­cher­wei­se einen Bör­sen­ab­sturz bewir­ken. Die Inves­ti­ti­on in bri­ti­sche Akti­en wäre dem­zu­fol­ge aktu­ell hoch­spe­ku­la­tiv. Eine rasche Ent­span­nung des Bre­x­it-Kon­flikts könn­te dage­gen eine posi­ti­ve Bör­sen­ent­wick­lung begüns­ti­gen, aller­dings ist den­noch Vor­sicht gebo­ten. So rät auch die Ver­brau­cher­zen­tra­le: Tref­fen Sie Ent­schei­dun­gen in Ruhe. Lang­fris­ti­ge Trend­än­de­run­gen an Finanz­märk­ten sind nie vor­her­seh­bar.

Auch an der deut­schen Wirt­schaft gin­ge ein chao­ti­scher Bre­x­it nicht spur­los vor­über, das ist klar: Groß­bri­tan­ni­en ist einer der wich­tigs­ten Han­dels­part­ner. Waren und Dienst­leis­tun­gen im Wert von jähr­lich rund 85 Mil­li­ar­den Euro flos­sen in den letz­ten Jah­ren von Deutsch­land in das König­reich. Vor­sicht gebo­ten ist des­halb bei Akti­en deut­scher Unter­neh­men mit star­kem Export-Geschäft nach Groß­bri­tan­ni­en, die unter einer bri­ti­schen Rezes­si­on und der Ein­füh­rung von Han­dels­bar­rie­ren über­durch­schnitt­lich lei­den wür­den. Betrof­fen wären Auto­her­stel­ler und Maschi­nen­bau­er, aber auch die Elek­tro­nik- und die Phar­ma­bran­che. Kre­dit­ver­si­che­rer Euler Her­mes pro­gnos­ti­ziert für deut­sche Expor­teu­re nach dem unge­re­gel­ten Bre­x­it allein im ers­ten Jahr Umsatz­ein­bu­ßen von rund acht Mil­li­ar­den Euro.

Wie sollten Anleger mit dem Brexit umgehen?

Grund­sätz­lich gilt: Bewah­ren Sie Ruhe und ver­mei­den Sie über­stürz­te Aktio­nen. Auch wenn bis­her unge­wiss ist, wie sich der bri­ti­sche EU-Aus­stieg gestal­ten wird, bedeu­tet das nicht, dass Sie sich als Anle­ger kom­plett zurück­zie­hen oder bri­ti­sche Unter­neh­men mei­den müs­sen. Infor­mie­ren Sie sich statt­des­sen gut und brin­gen Sie in Erfah­rung, wel­che Fir­men trotz der poli­ti­schen Lage sta­bil sind. Unter­neh­men, die vor­aus­schau­end geführt wer­den und über eine wider­stands­fä­hi­ge Markt­po­si­ti­on und nach­hal­ti­ge Ein­nah­me­quel­len ver­fü­gen, kön­nen in der Regel gut mit Ver­än­de­run­gen umge­hen bzw. sich dar­auf vor­be­rei­ten. Aller­dings besteht Grund zur Vor­sicht: ein Wäh­rungs­ri­si­ko und Kurs­ver­lus­te bei bri­ti­schen Wert­pa­pie­ren sind mög­lich.

Wert­pa­pie­re unter­lie­gen Kurs­schwan­kun­gen; damit sind Kurs­ver­lus­te mög­lich. Die frü­he­re Wert­ent­wick­lung ist kein ver­läss­li­cher Indi­ka­tor für die zukünf­ti­ge Wert­ent­wick­lung. Bei Wert­pa­pie­ren in aus­län­di­scher Wäh­rung kann es zu Wert­ver­lus­ten durch Wech­sel­kurs­ver­än­de­run­gen kom­men. Die­ser Text dient aus­schließ­lich Infor­ma­ti­ons­zwe­cken und stellt kein Ange­bot, kei­ne Auf­for­de­rung oder Emp­feh­lung zum Kauf oder Ver­kauf von Wert­pa­pie­ren dar.