Alfred Platow und Dr. Andreas Beck über nachhaltige Investments

Streitgespräch
Rendite mit gutem Gewissen: Top oder Flop?

Die Umwelt schützen und Ren­dite erzie­len: Das wollen viele Anleger. Der Markt für nach­haltige Invest­ments jeden­falls wächst zweis­tel­lig. Kön­nen Inve­storen Ein­fluss nehmen und Gewinn machen? Oder ist Nach­haltigkeit nur eine Mar­ket­ing­masche? Ein Stre­it­ge­spräch.

com­pass: Gutes tun und Geld ver­di­enen: Ergibt es Sinn, finanzielle Ziele mit ökol­o­gis­chen und ethis­chen Zie­len zu verbinden?
Andreas Beck: Die Zielset­zung sozial ver­ant­wortlich­er Gel­dan­lage beste­ht darin, geeigneten Unternehmen den Zugang zu Kap­i­tal zu erle­ichtern. Damit ist das ­Ren­dite-Risiko-Pro­fil solch­er Gel­dan­la­gen per se unat­trak­tiv.

com­pass: Wieso das?
Andreas Beck: Weil die Kap­italkosten der Unternehmen sinken müssen, wenn die Inve­storen ihre Ziele erre­ichen wollen. Das heißt aber, dass Anleger zwangsläu­fig weniger Ren­dite für ihr investiertes Geld erhal­ten. Es ist also ein Wider­spruch in sich. Um es mal zuge­spitzt zu for­mulieren: Wenn viele Anleger beschließen, dass sie nicht mehr in Tabakkonz­er­nen investieren, wer­den Tabakkonz­erne die attrak­tivsten Anla­gen, die man sich über­haupt vorstellen kann. Denn sie wer­den die höch­sten Div­i­den­den­ren­diten bieten müssen, um Inve­storen zu lock­en. Und das kann nicht Sinn und Zweck der Sache sein.

com­pass: Herr Pla­tow, Sie unter­stützen indi­rekt also die Tabakin­dus­trie?
Alfred Pla­tow: Das ist eine sehr inter­es­sante These. Aber wir bew­erten die Dinge anders. Geld hat in der His­to­rie immer auch eine gesellschaft­spoli­tis­che Rolle gespielt. Die soziale Kom­po­nente ist auf der Jagd nach Ren­dite und Wach­s­tum vielle­icht etwas ver­loren gegan­gen. Ich bin aber überzeugt, dass kein anderes Instru­men­tar­i­um den Men­schen mehr verän­dert als Geld.
Andreas Beck: Richtig, es geht nicht nur um Kli­maschutz, son­dern um die soziale Funk­tion des Geldes bei der Organ­i­sa­tion ein­er Gesellschaft. Wir leben in ein­er Kon­sumge­sellschaft. Wenn die Men­schen auf die Straße gehen und sich weigern, bei einem Unternehmen einzukaufen, das keine Steuern bezahlt, hat das sehr viel mehr Ein­fluss auf das Unternehmen, als wenn spezial­isierte Fonds solche Werte mei­den.

© Natalie Bothur

© Natal­ie Both­ur

Wir wollen Ren­dite erzie­len, aber nicht um jeden Preis. Wichtiger ist es uns, bewusst ­Ein­fluss zu nehmen“
- Alfred Pla­tow, Grün­der und Ver­wal­tungsratsvor­sitzen­der des Fond­san­bi­eters Ökoworld LUX S. A.

com­pass: Kann man als Investor keinen Ein­fluss nehmen?
Alfred Pla­tow: Doch, man kann – indem man mit den Unternehmen in Kommuni­kation tritt. Beispiel Star­bucks. Wir sind seit mehr als zehn Jahren mit dem Unternehmen im Gespräch – da geht es nicht um Steuern, daran kön­nen wir nichts ändern. Aber ich wage mal die Behaup­tung: Ohne uns hätte Star­bucks heute nicht so einen hohen Anteil an fair gehan­del­tem Kaf­fee. Das wiederum trägt dazu bei, die Lebens­be­din­gun­gen der Kaf­fee­bauern zu verbessern. Und das sind die Ziele, die wir als Investor erre­ichen wollen.

com­pass: Sie wollen mit Ihrem Ansatz aber doch vor allem auch Geld ver­di­enen …
Alfred Pla­tow: … ja, aber nicht um jeden Preis. Wir wollen vor allem eine Verän­derung des Bewusst­seins erre­ichen – und erst danach kommt der Ertrag. Damit sind wir in der Ver­gan­gen­heit sehr gut gefahren – auch was die Per­for­mance ange­ht.

com­pass: Der Markt für nach­haltige Invest­ments wächst stark. Ist das nur eine Mod­ewelle?
Andreas Beck: Es ist jeden­falls eine eigene Indus­trie gewor­den. Es gibt weltweit 15.000 liq­uide Aktien, aber 180.000 Fonds, die alle vorgeben, in unter­be­w­erteten Qual­ität­sak­tien zu investieren. Kein Wun­der, dass da jede Mar­ket­ingsto­ry gespielt wird, um sich Vis­i­bil­ität zu ver­schaf­fen. Ein ETF auf den Euro STOXX kostet 0,05 % Gebühr, ein ETF auf den Nachhaltigkeits­index des Euro STOXX indes 0,4 %. Daran kann man die wahren Inter­essen der Branche erken­nen.

com­pass: Mit Unternehmen mit ökol­o­gis­chem Anstrich wie beispiel­sweise Prokon haben Anleger sehr viel Geld ver­loren. Sind Anleger zu leicht­gläu­big, wenn man an ihr Umwelt­gewis­sen appel­liert?
Alfred Pla­tow: Vie­len Inve­storen nehme ich ihr gutes Gewis­sen gar nicht ab. Hätte Prokon nicht acht, son­dern nur 2 oder 3 % Ren­dite geboten, wären viele nicht investiert gewe­sen. Gewon­nen hat also eher die Gier als das Gewis­sen.
Andreas Beck: Mit der Unwis­senheit der Anleger wird viel Schind­lud­er getrieben. Geschlossene Wald­fonds etwa lock­en ­damit, dass sie Anleger glauben ­machen, sie kön­nten hier guten Gewis­sens nur ­gewin­nen. Mot­to: Falls der Holzpreis ­ger­ade mal niedrig ist, wird ein­fach später ­abge­holzt. Lei­der sind viele Leute für ­solche Sto­rys empfänglich.

com­pass: Was genau ist Nach­haltigkeit für Sie?
Andreas Beck: Für mich ist die ­Grund­frage, in welch­er Welt ich zukün­ftig leben will – und das ist weniger abstrakt als Klima­berichte, die auf wie auch immer ­geart­eten Prog­nosen basieren. Will ich, dass es mor­gen hier noch einen Buch­laden und einen Optik­er gibt? Will ich, dass der Sozial­staat funk­tion­iert, dass es Bil­dung und Kul­tur gibt? Und das bes­timmt dann mein Kon­sumver­hal­ten. Das ist sehr konkret und weit weg von Kli­ma­fonds in Südafri­ka.
Alfred Pla­tow: Wir nutzen den Begriff Nach­haltigkeit eher ungern, wir haben uns auf die The­men Ethik, Soziales und Ökolo­gie ein­ge­lassen. Diese drei Säulen nehmen wir sehr ernst. Human­is­tis­che Werte ste­hen bei uns an erster Stelle. Wir fan­gen also nicht mit dem Solar­dach an und enden mit dem Wind­park in Spanien, son­dern wir prüfen, wie der Men­sch behan­delt wird, ob eine wün­schenswerte poli­tis­che und ethis­che Kul­tur umge­set­zt wird.

© Natalie Bothur

© Natal­ie Both­ur

Das ist Mar­ket­ing, zugegeben: gutes Mar­ket­ing“
- Dr. Andreas Beck, Grün­der und Vor­standssprech­er des Insti­tutes für Ver­mö­gen­sauf­bau AG (IVA)

com­pass: Kön­nen Sie Beispiele nen­nen?
Alfred Pla­tow: Um es konkret zu machen: In Brasilien oder Afri­ka investieren wir in börsen­notierten Uni­ver­sitäten, die bre­it­en Schicht­en die Möglichkeit ein­er qual­i­fizierten Aus­bil­dung geben. Für unseren Fonds Grow­ing Mar­kets 2.0 suchen wir bewusst nach Unternehmen der Emerg­ing Mar­kets, die nicht für den Export pro­duzieren, son­dern den Men­schen vor Ort zu besseren Leben­sum­stän­den ver­helfen.
Andreas Beck: Pri­vatisierung von Bil­dung ist also moralisch und Export unmoralisch?
Alfred Pla­tow: Wenn der Staat nichts für die Bil­dung der Massen tut, ist pri­vates Engage­ment wichtig, damit über­haupt ­etwas in Bewe­gung kommt. Export ist zwar an sich nicht unmoralisch. Aber wenn es bre­it­en Schicht­en der Bevölkerung an Wesentlichem fehlt, hat es für uns Pri­or­ität, den Bin­nen­markt zu stärken und vor Ort in Gesund­heit, Bil­dung, Nahrung und soziale Kom­mu­nika­tion zu investieren.

com­pass: Lassen sich so Über­ren­diten erzie­len, die ja ein aktives Man­age­ment für ­Anleger eigentlich erst recht­fer­ti­gen?
Alfred Pla­tow: Wir sind nicht auf der Suche nach Über­ren­diten, son­dern nach ein­er Ren­dite, die dem Unternehmen über einen län­geren Zeitraum Sta­bil­ität bringt. Ren­dite müssen Unternehmen schon allein deshalb erzie­len, weil das die einzige Garantie dafür ist, dass sie auch über­leben. Ohne Div­i­dende wird es auf Dauer nicht funk­tion­ieren.
Andreas Beck: Das ist Mar­ket­ing, zugegeben: gutes Mar­ket­ing. Die Kapitalmarkt­forschung beschäftigt sich seit 70 Jahren inten­siv mit der Frage, was Ren­dite­fak­toren sind und was nicht. Da kön­nte man ­eine Fak­tor­analyse rech­nen über Ihre Arbeit und würde dann fest­stellen, dass Sie eine gute Per­for­mance erwirtschaften, weil Sie stark auf Small Caps set­zen, die poten­ziell schlechter an Kap­i­tal kom­men und ergo Inve­storen mehr bieten müssen. Die These, dass ethis­che Kri­te­rien eine ­Rolle spie­len, ist nicht ver­i­fizier­bar.

com­pass: Was wären für Sie ethis­che Kri­te­rien bei der Gel­dan­lage?
Andreas Beck: Ich würde sagen, dass ich meinen Beruf ethisch kor­rekt ausübe, aber ich komme ein­fach zu einem anderen Ergeb­nis. Aus mein­er Sicht braucht man ein pro­vi­sions­freies, wis­senschaftlich fundiertes Pro­dukt, das es dem Kleinan­leger erst ein­mal ermöglicht, zu sin­nvollen Gebühren seine Altersvor­sorge zu regeln. Beson­ders im Niedrigzins spie­len Kosten eine ­große Rolle. Wenn sie die Ertragsaus­sicht­en über­steigen, ergibt Altersvor­sorge ein­fach keinen Sinn.

Klicken Sie sich durch die Slideshow, um die Fortsetzung des Interviews zu lesen: „Nachhaltige Geldanlage – Mode-Gag oder Erfolgsformel?“