Compass Streitgespräch 2017

Streitgespräch
Alleskönner oder Teufelszeug?

Compass Streitgespräch

© 2016 Lêm­rich

Dirk Heß

ist ein­er der pro­fil­iertesten Vertreter der Zer­ti­fikate­branche. Seit 2012 ist er Ko-Leit­er des europäis­chen Option­ss­cheine- und Zer­ti­fikat­ev­er­triebes bei der Cit­i­group Glob­al Mar­kets Deutsch­land.

Compass Streitgespräch

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Marc Friedrich

ist Ökonom, Hon­o­rar­ber­ater und Best­seller­autor (zum Beispiel „Crash ist die Lösung“). Gemein­sam mit Matthias Weik ini­ti­ierte er den Friedrich & Weik Werte­fonds (WKN A2AQ95).

Zer­ti­fikate sind mit der Lehman-Pleite 2008 in die Kri­tik ger­at­en. Zu Recht? Eignen sich die Papiere für Pri­vatan­leger? Ein Stre­it­ge­spräch.

com­pass: Sie wur­den einst als „Alleskön­ner“ gepriesen, dann als „Teufel­szeug“ ver­ban­nt. Was sind Zer­ti­fikate für Sie?
Friedrich: Zer­ti­fikate sind sehr spezielle und kom­plexe Pro­duk­te, die sich nur für ver­sierte Anleger eignen …
Heß: Zer­ti­fikate sind vielle­icht keine Alleskön­ner, aber doch Vieleskön­ner …

com­pass: Was kön­nen sie denn?
Heß: Wer eine Mark­tein­schätzung hat, kann sie mit Zer­ti­fikat­en sehr genau umset­zen und in jedem Mark­tum­feld Ren­dite erzie­len. Anleger kön­nen etwa mit Ver­lust­puffer investieren und damit Risiken reduzieren. Sie kön­nen aber auch Kurs­be­we­gun­gen hebeln sowie Ren­dite im Seitwärts­markt oder bei fal­l­en­den Kursen erzie­len. Auch eignen sich Zer­ti­fikate, um ein Depot abzu­sich­ern.

com­pass: Aktuell dominieren Noten­banken und Poli­tik die Börsen. Kann man in diesem Umfeld sin­nvoll auf ein abse­hbares Szenario set­zen?
Friedrich: Kein­er kann in die Zukun­ft schauen. Zer­ti­fikate sind deshalb immer eine Wette, die aufge­hen kann oder aber auch nicht …
Heß: Eine Mark­t­mei­n­ung muss jed­er Investor haben, und dann kann er entschei­den, welche Anlage­form er wählt – ob Aktie, Fonds, ETF, Anlei­he oder eben Zer­ti­fikat. Tritt das erwartete Szenario nicht ein, fällt der Ver­lust mit vie­len Zer­ti­fikat­en geringer aus als mit einem Direk­t­in­vest­ment.

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Die Experten Marc Friedrich (l.) und Dirk Heß im Gespräch mit com­pass Redak­teurin Bir­git Wet­jen.

com­pass: Eignen sich Zer­ti­fikate über­haupt für Pri­vatan­leger?
Friedrich: Nach mein­er Erfahrung wis­sen viele Pri­vatan­leger nicht, welche Papiere sie im Depot haben und wie genau sie funk­tion­ieren. Zer­ti­fikate-Invest­ments set­zen viel Wis­sen voraus. Für den Laien sind sie meines Eracht­ens viel zu kom­plex und intrans­par­ent – und dazu noch teuer.
Heß: Das lasse ich nicht gel­ten. Natür­lich muss man sich mit der Materie beschäfti­gen, und natür­lich soll man nur in Zer­ti­fikat­en investieren, die man auch ver­ste­ht. Aber in Sachen Trans­parenz ist die Zer­ti­fikate-Indus­trie Vor­re­it­er im Markt. Wir bieten Szenar­ien- und Risiko­analy­sen, Zer­ti­fikate-Rat­ings, Sem­i­nare, Webina­re, Broschüren und vieles mehr. Und was die Kosten ange­ht: Sämtliche Verkauf­spro­vi­sio­nen sind aus­gewiesen. Bei Stan­dard­pa­pieren wie Dis­count- oder Bonusz­er­ti­fikat­en sorgt schon der Wet­tbe­werb dafür, dass geringe Kosten für den Investor anfall­en. Die Mar­gen bei Dis­coun­tern liegen im Schnitt bei 0,5% p. a., die Kosten über alle Zer­ti­fikate­gat­tun­gen bei unter 1%. Fonds haben da eine völ­lig andere Gebühren­struk­tur.

com­pass: Hat die Branche mit der Kreation immer neuer Pro­duk­te und Son­der­for­men über­trieben und damit Anleger abgeschreckt?
Heß: Möglich, aber das ist längst Ver­gan­gen­heit. Wir erleben die ganz klare Ten­denz „back to the roots“. Ging es in den Wach­s­tumsmärk­ten vor Aus­bruch der Finanzkrise vielfach darum, den Inve­storen per Zer­ti­fikat Zugang zu exo­tis­chen Märk­ten oder beson­deren Strate­gien zu ver­schaf­fen, sind heute vor allem ein­fache Stan­dard­pa­piere wie Dis­count- oder Bonusz­er­ti­fikate gefragt.

com­pass: Zin­sen gibt es in Europa auf abse­hbare Zeit nicht mehr. Eignen sich Zer­ti­fikate im Zin­stief als Fest­gelder­satz?
Friedrich: Auf gar keinen Fall …
Heß: Auch ich störe mich sehr an dem Begriff Fest­gelder­satz. Sicher­heit­sori­en­tierte Anleger kön­nen zwar mit bes­timmten Zer­ti­fikat­en – etwa Deep Dis­counts – eine hohe Sicher­heit erlan­gen, aber den­noch bleibt unter dem Strich ein Aktien­mark­trisiko. Garantien bieten nur Garantiez­er­ti­fikate, die aber sind im Zin­stief gar nicht darstell­bar. Mit Dis­count-Zer­ti­fikat­en dage­gen kön­nen Anleger Ren­diten weit ober­halb des Anlei­hen­mark­tes erzie­len – mit im Ver­gle­ich zum Aktien­markt reduzierten Risiken, aber eben ohne Garantie.

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Dirk Heß sieht Zer­ti­fikate als gute Beimis­chung fürs Depot, allerd­ings nicht als Basis­in­vest­ment für Pri­vatan­leger.

com­pass: Mit Dis­count-Zer­ti­fikat­en wird die Ren­dite der Anleger nach oben aber doch stark begren­zt. Ver­schenken Anleger da nicht Poten­zial?
Heß: Im Gegen­teil! Wir haben zwis­chen 2010 und 2016 gut 70.000 Dis­count-Zer­ti­fikate aus­gew­ertet. 79% haben eine pos­i­tive Ren­dite gebracht – bei den Basiswerten waren es nur 60%. Unter dem Strich haben sich 63 % der Zer­ti­fikate bess­er entwick­elt als der zugrunde liegende Basiswert. Die Out­per­former lagen im Schnitt um 11% p. a. vorne. Ähn­liche Ergeb­nisse zeigt eine Studie der Deutschen Bank, die sog­ar noch weit­er zurück­ge­ht. Das zeigt doch: Mit Dis­coun­tern kön­nen Anleger Ren­dite erzie­len, wenn sie richtig einge­set­zt wer­den.
Friedrich: Genau da aber liegt das Prob­lem. Wie viele Men­schen haben das Know-how und die Zeit, sich alle paar Monate mit ihrer Gel­dan­lage zu beschäfti­gen? Dazu kommt, dass Zer­ti­fikate – anders als Fonds – kein Son­derver­mö­gen sind. Sie bergen ein Emit­ten­ten­risiko. Dessen sind sich viele Anleger gar nicht bewusst.

com­pass: Sind Zer­ti­fikate denn per se riskant?
Friedrich: Der Derivate-Markt umfasst geschätzte 700 Bil­lio­nen US-Dol­lar und damit fast das Zehn­fache des glob­alen Brut­toin­land­spro­duk­tes. Mit Sach­w­erten würde ich mich im aktuellen Umfeld wohler fühlen als mit Inhab­er­schuld­ver­schrei­bun­gen. Wie riskant die sein kön­nen, hat ja die Insol­venz von Lehman Broth­ers gezeigt. Damals haben viele sicher­heit­sori­en­tierte Anleger viel Geld ver­loren.
Heß: Seit der Lehman-Pleite wird alles in einen Topf gewor­fen, dage­gen wehre ich mich. Anlage- und Hebelz­er­ti­fikate, von denen wir hier sprechen, machen weltweit nur ein Bruchteil des Derivate-Mark­tes aus.

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Marc Friedrich set­zt auf Sach­w­erte für den Vermögenserhalt.

com­pass: Welche Empfehlun­gen geben Sie Anlegern für den Ver­mö­gen­sauf­bau?
Heß: Wer sich nicht mit der Gel­dan­lage beschäfti­gen möchte, sollte sich pro­fes­sionelle Hil­fe suchen. Anson­sten kann ich nur rat­en, bre­it über unter­schiedliche Märk­te und Assetk­lassen zu streuen und auf die Kosten zu acht­en. Zer­ti­fikate sind sich­er nicht die Basis für den Ver­mö­gen­sauf­bau, aber sie eignen sich als Beimis­chung, um Chan­cen zu nutzen.
Friedrich: Fakt ist, dass die Deutschen sehr viel mehr für die Altersvor­sorge tun müssen, son­st rollt eine riesige Welle der Alter­sar­mut auf uns zu. Wer langfristig plant, kann per Fondss­par­plan Ver­mö­gen auf­bauen. Ins­ge­samt empfehle ich, in Sach­w­erten zu investieren und viele Ver­mö­gens­stand­beine zu nutzen. Gold, Sil­ber, Wald, Immo­bilien, aber auch Whisky, Dia­man­ten und Unternehmens­beteili­gun­gen gehören dazu.