Wer gewinnt, wer verliert

Brexit Briten haben die Wahl

Mit Neuwahlen will Theresa May ihr Mandat für die Austrittsverhandlungen stärken. Wer gewinnt, wer verliert?

Die Zeichen stehen auf Konfrontation. Gut eine Woche vor der Parlamentswahl in Großbritannien zeigt sich Regierungschefin Theresa May entschlossen, nach ihrer Wiederwahl harte EU-Austrittserhandlungen zu führen. Eine Einigung um jeden Preis werde es nicht geben, so May. Lieber kein Abkommen als ein schlechtes. In Brüssel dürfte man das nicht gerne hören.

Mays Planungen, Austrittsmodalitäten und Handelsabkommen parallel zu verhandeln, hat die EU bereits eine klare Absage erteilt. Die künftigen Beziehungen Großbritanniens zur Gemeinschaft sollten erst dann zum Thema werden, wenn Klarheit über die Modalitäten der Trennung bestehe. Die Arbeitnehmerfreizügigkeit, aber auch finanziellen Forderungen der EU gegenüber Großbritannien sind die zentralen Themen. Zudem fordert die EU Garantien gegen Sozial- und Steuerdumping. Mehr als drei Millionen EU-Bürger leben auf der Insel, die Rechte der EU-Bürger zu sichern, habe absolute Priorität, heißt es aus Brüssel. Aber auch die erwartete Austrittsrechnung könnte zum Streitpunkt werden. Je nach Rechenmethode dürfte Brüssel dem scheidenden Partner eine Austrittsrechnung zwischen 25 und 65 Milliarden Euro präsentieren, die sich aus eingegangenen Verpflichtungen ergibt.

Ökonomische Verflechtungen

Für Großbritannien, aber auch für die europäischen Partner, steht viel auf dem Spiel. Großbritannien bezieht rund die Hälfte seiner importierten Waren aus der EU und liefert auch etwa die Hälfte seiner Exporte dorthin. Vor allem mit Finanzdienstleistungen werden Überschüsse erzielt. Doch bei den Banken laufen die Brexit-Vorbereitungen längst auf Hochtouren – es werden alternative Standorte gesucht, die den Zugang zum EU-Binnenmarkt garantieren. Frankfurt und Dublin könnten zu den Profiteuren gehören.

Aber auch für die deutsche Wirtschaft dürfte die Folgen des Brexit zu spüren bekommen, denn das Königreich ist einer der wichtigsten Handelspartner. Laut einer Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) werde der Brexit die deutsche Wirtschaft 2017 rund 0,5 % Wachstum kosten. Schon die Ankündigung des Brexit hat nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) die deutschen Exporte gebremst. Im 2. Halbjahr 2016 gaben die Ausfuhren auf die Insel gegenüber dem 2. Halbjahr 2015 um 7,2 % nach.

Laut einer Untersuchung der Unternehmensberatung Deloitte könnte ein EU-Aus der Briten vor allem fünf deutsche Branchen schmerzlich treffen, weil sie nach Umsatz oder Mitarbeiterzahl eng mit Großbritannien verflochten sind. Dazu gehören Automobil, Finanzen und Versicherungen, Verkehr und Logistik, Handel sowie der Energiesektor. Beispiel Automobilindustrie: Die Branche exportierte 2016 Kraftfahrzeuge und Kraftfahrzeugteile im Wert von 27,2 Milliarden Euro über den Kanal. Mögliche Handelsbarrieren sowie die starke Abwertung des Pfundes gegenüber dem Euro könnten die Ware „made in Germany“ auf der Insel verteuern und für Gegenwind sorgen. Europa und Großbritannien sollten deshalb nach Auffassung von ifo-Präsident Clemens Fuest zu einer kooperativen Lösung kommen, die den wirtschaftlichen und politischen Schaden aus dem Brexit für beide Seiten minimiert. „Europa sollte ein möglichst umfassendes Freihandelsabkommen mit Großbritannien abschließen, das auch bei Dienstleistungen eine enge wirtschaftliche Integration aufrecht erhält“, so Fuest. „Die Debatte über angebliches Rosinenpicken muss aufhören, dieser Vorwurf vergiftet die Atmosphäre und führt nur zu einer Verhärtung der Fronten.“

Unsicherheit bleibt

Wie auch immer die Verhandlungen ausgehen werden: Bis es zu einem Abschluss kommt, wird einige Zeit vergehen. Unsicherheit wird also bleiben. Bisher aber blieb auf der Insel der erwartete Dämpfer nach dem Brexit-Votum aus. Zwar wuchs die Wirtschaft im ersten Quartal nur um 0,3 % und damit schwächer, als erwartet (0,4 %). Doch hellte sich die Stimmung in der Industrie im April wieder deutlich auf. Der IWF hat seine Wachstumsprognosen für dieses Jahr sogar um 0,5 Prozentpunkte auf 2 % nach oben korrigiert. „Für den Brexit wird die Rechnung erst noch zu bezahlen sein“, befürchtet Frank Fischer, CIO der Shareholder Value Management AG und Manager des Frankfurter Aktienfonds für Stiftungen (WKN A0M8HD). Der IWF erwartet, dass der Dämpfer erst im kommenden Jahr kommen wird. Unter dem Strich hat das Brexit-Votum das Britische Pfund auf Talfahrt geschickt. Das hat der Wirtschaft der Insel bisher Rückenwind verliehen. „Auf der anderen Seite steigen die Preise für importierte Waren“, so Fischer. So haben internationale Konsumgüter-Produzenten oder auch Technologieunternehmen wie Apple oder Microsoft ihre Preise in England bereits angehoben oder Preiserhöhungen angekündigt, um Währungsverluste auszugleichen.

Neben gestiegenen Importpreisen sorgen steigende Energiekosten für Preisdruck. Umfragen der Bank of England zufolge liegt die Inflationserwartung für 2017 bei 2,8 % – also über der Zielmarke von 2 %. „Anders als die US-Notenbank Fed hat die Bank of England wenig Spielraum, um gegenzusteuern“, glaubt Carmen Weber, ehemals Aktienmarktstrategin mit Schwerpunkt UK bei der Deutschen Asset Management.

Verlierer und Gewinner

Zu den Verlierern dürften Unternehmen gehören, die ihre Ware im Ausland kaufen und im Inland verkaufen – wie etwa Retailer wie Marks & Spencer oder Next, die die gestiegenen Importpreise nicht eins zu eins an die Konsumenten weitergeben können. „Das gibt ordentlich Druck auf die Gewinnmarge“, sagt Carmen Weber. „Über die nächsten zwei bis drei Quartale löst sich das zwar teilweise auf, aber bis dahin müssen Investoren voraussichtlich wohl die eine oder andere Gewinnwarnung ertragen.“

Zu den Gewinnern könnten Rohstoffkonzerne wie Royal Dutch Shell (WKN A0D94M), BP (WKN 850517) oder Rio Tinto (WKN 852147) gehören, die vom schwachen Pfund und zudem von anziehenden Rohstoffpreisen profitieren. Auch die starke britische Pharmabranche ist mit AstraZeneca (WKN 886455) oder GlaxoSmithKline (WKN 940561) gut aufgestellt.

Darüber hinaus suchen Fondsmanager wie Fischer britische Firmen wie IWG (WKN A2DGL) heraus, die Marktführer in ihrem Segment sind und nur einen kleinen Teil ihres Umsatzes auf der Insel erzielen, aber wegen des Brexit-Themas abgestraft wurden. „Der Anbieter flexibler Bürolösungen ist mit 2.300 Bürocentern in 850 Städten in 104 Ländern vertreten – nur rund 20 % seines Umsatzes erzielt Regus im britischen Binnenmarkt.“ Auch der britische Baustoffhändler Wolseley (WKN A1W9Z0) sowie der Baukran-Vermieter Ashtead (WKN 894565) erwirtschaften einen Großteil des Umsatzes in den USA und können dank der Pfund-Schwäche attraktive Währungsgewinne erzielen.

Aktives Management bevorzugt

„London wird als einer der liberalsten und rechtssichersten Standorte auch nach dem Ausscheiden aus der EU nicht in der Bedeutungslosigkeit versinken“, sagt UK-Expertin Weber. Sie empfiehlt Anlegern jedoch, selektiv vorzugehen und auf aktives Management zu setzen. „Gute Stock-Picker können in differenzierten Märkten wie Großbritannien eine Outperformance erzielen.“ Wer Einzelwertrisiken scheut, kann breit gestreut per Fonds an der Entwicklung der britischen Wirtschaft partizipieren. Zu den Top-Fonds mit mindestens vier Morningstar-Sternen zählen beispielsweise der JOHCM UK Equity Income Fund B GBP ACC (WKN A0JKW9) oder der Schroder ISF UK Equity C (WKN 974932).

Aktien und Fonds unterliegen Kursschwankungen. Damit sind Kursverluste möglich. Bei Papieren, die nicht in Euro gehandelt werden, besteht zudem ein Währungsrisiko. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Allein verbindliche Grundlage des Kaufs eines Fonds oder eines ETFs sind die derzeit gültigen Verkaufsunterlagen des Fonds („Wesentliche Anlegerinformationen“, Verkaufsprospekt sowie Jahres- und Halbjahresberichte, soweit veröffentlicht). Diese Unterlagen, die in deutscher/englischer Sprache vorliegen, erhalten Sie auf der Wertpapier-Detailseite unter www.comdirect.de oder direkt beim Emittenten. Die Beschreibung der Wertpapiere stellt keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar. Stand: 31.05.2017; Quelle: comdirect.de