Jahresendralley

Interview „Jahresendrally mitnehmen!“

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Dimitri Speck

Dimitri Speck

Der empirische Finanzmarktforscher Dimitri Speck arbeitet seit Jahrzehnten als Handelssystementwickler, Finanzanalytiker und Buchautor. Speck ist zudem Mitgründer des Fintechs Seasonax.

Finanzanalytiker Dimitri Speck über Saisonalitäten und andere Zyklen an der Börse.

comdirect: Herr Speck, Donald Trump und seine Twitter‐Nachrichten bestimmen die Börsen. Wonach sollte man sich als etwas langfristiger orientierter Investor richten?

Dimitri Speck: Es gab immer schon tagespolitische Einflüsse an den Märkten. Das Phänomen Trump ist also nicht wirklich neu, auch wenn Häufigkeit und Ausmaß überdurchschnittlich sein mögen. Aber wer langfristige Trends analysieren möchte, kommt mit der Orientierung an der Tagespolitik kaum weiter. Einer der besten Orientierungsrahmen ist weiter die Saisonalität. Saisonalitäten sind ziemlich zuverlässig – teilweise schon seit über einem Jahrhundert.

comdirect: Politische Börsen haben also weiterhin kurze Beine?

Dimitri Speck: Es kommt immer darauf an, was man unter politischen Börsen versteht. Tweets von Donald Trump wirken sich kurzfristig stark auf die Volatilität aus. Aber sie sind manchmal binnen Stunden abgehakt, weil der US‐Präsident ein neues Statement abschickt. Anders sieht das aus bei konkreten politischen Maßnahmen, die sich langfristig auf die Gewinnsituation der Unternehmen oder auf Anlagestrategien auswirken. Der langfristige Impuls der US‐Steuerreform etwa ist nicht zu unterschätzen. Und die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken hat den Kursen von Anleihen und Aktien geholfen.

comdirect: Überlagert diese Nullzinspolitik jeden anderen Trend?

Dimitri Speck: Die zunehmend sinkenden Zinsen waren wesentlich für den Kursanstieg seit der Finanzkrise vor rund zehn Jahren. Die Notenbanken haben den Trend zu Aktien angefeuert. Weiterhin wurden sie durch die fehlende Alternative gestützt. Die Anleiherenditen bleiben schwach, zumal eine Zinswende in näherer Zukunft wenig wahrscheinlich ist. Die Unterstützung der Notenbank kann jedoch kaum noch stärker ausfallen. Da Aktien inzwischen hoch bewertet sind, droht irgendwann ein deutlicher Rückschlag.

comdirect: Typischerweise beginnt im Oktober die Herbstrally. Tatsächlich ist sie ja auch sehr gut gestartet – wie geht es weiter?

Dimitri Speck: Seit jeher schneiden die Börsen zwischen Oktober und Mai besser ab als in den Sommermonaten. Dieser Effekt ist statistisch hoch signifikant und hat das Bonmot „Sell in May and go away“ geprägt. Im Gegensatz zum Vorjahr wurde die Regel in diesem Jahr bestätigt. Der Oktober war ein guter Börsenmonat, Indizes haben in den USA ihre Allzeitrekorde geknackt und auch der DAX ist nicht weit von seinem Rekordstand entfernt.

comdirect: Und dann gibt es ja noch die Jahresendrally…

Dimitri Speck: Die Weihnachtsrally ist statistisch sehr signifikant, beruht meiner Einschätzung nach aber vor allem auf psychologischen Effekten. Die Stimmung ist gut. Man ist in Kauflaune und das überträgt sich auf Aktien. Zudem ist der Jahreswechsel der Zeitpunkt für einen Ausblick in die Zukunft und neue Positionierung. Das Windowdressing von Fondsmanagern kann eine zusätzliche Rolle spielen. Wenn man die Indexgewinne an den rund elf Handelstagen zwischen dem 14. Dezember und 4. Januar aufs Jahr hochrechnet, kommt man auf ein durchschnittliches Jahresplus von über 50 %.

comdirect: Der Wahlzyklus in den USA ist ebenfalls ein bekanntes Muster. Welche Impulse werden 2020 von ihm ausgehen?

Dimitri Speck: Das Muster gibt es ebenfalls seit Langem. In der zweiten Hälfte eines Präsidentschaftszyklus schneiden die Börsen meist besser ab. Die inhaltliche Begründung: Amtierende Präsidenten verteilen dann in der Regel Geschenke, um ihre Wiederwahl zu sichern. Ob dieser Trend in den nächsten Monaten wirkt, ist allerdings zweifelhaft. Denn Präsident Trump hat ja bereits alle Register in der Steuerpolitik gezogen und die Fed die Zinsen bereits mehrfach gesenkt.

comdirect: Worauf sollen die Anleger dann jetzt achten?

Dimitri Speck: Auf den deutschen Aktienmarkt wirken der Dollar, die Zins‐ und Konjunkturentwicklung und die Saisonalitäten. Der Dollar steht heute, wo er vor etwa fünf Jahren stand. Der Rückgang der Renditen vor allem am langen Ende hat die Aktienmärkte gestützt. Dagegen dürfte die schwache Konjunktur negativ auf die Unternehmensgewinne wirken. Bei dieser Lage lohnt es sich für Anleger, vor allem auf die bekannten Kursmuster der Saisonalitäten zu achten.

comdirect: Wie können Anleger sich jetzt vor der Jahreswende aufstellen?

Dimitri Speck: Aktuell sind Aktien noch Trumpf und sollten sich trotz überkaufter Lage aus saisonalen Gründen über den Jahreswechsel halten. Im ersten Quartal sind dagegen traditionell Gold und Silber stark. Aufgrund dieser Einschätzung bin ich für die USA kritisch und favorisiere ein rohstoffreiches Russland, in dem zudem die Aktienbewertungen deutlich niedriger sind als in den meisten Teilen der Welt.

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