Interview - Biotechnologie: Starkes Wachstum

Interview „Große Innovationen kommen heute aus der Biotechnologie“

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Mario Linimeier

Mario Linimeier

arbeitet seit 2013 bei Medical Strategy als Healthcare‐Analyst und Fondsmanager. Seit 2017 ist er zudem Geschäftsführer. Linimeier studierte Wirtschaftswissenschaften sowie Genetik und Mikrobiologie. Nach Abschluss des Studiums war er zunächst bei KPMG in München und London tätig.

Die Biotechnologie läuft der Pharmabranche den Rang ab. Welche Krankheiten möglicherweise bald besiegbar sind und warum bei Investitionen in den Sektor viel Know‐how erforderlich ist, erklärt Biotech‐Experte Mario Linimeier.

comdirect: Herr Linimeier, am 21. März gab US‐Biotech‐Gigant Biogen die Einstellung der Studien mit dem Wirkstoff Aducanumab zur Bekämpfung von Alzheimer bekannt. Am Abend war Biogen dann rund 20 Milliarden US‐Dollar weniger wert als am Morgen. Wie kann das passieren?

Linimeier: Der Rückschlag kam für uns wenig überraschend. Biogen ist mit Aducanumab eine Wette eingegangen, obwohl mehrere vergleichbare Prüfpräparate in diversen Alzheimer‐Studien gescheitert sind. Die vorherrschende These, dass Ablagerungen im Gehirn, sogenannte Beta‐Amyloid‐Plaques, hauptverantwortlich für die Entstehung von Alzheimer wären, muss infrage gestellt werden. Wir wissen aktuell einfach noch zu wenig über die tatsächlichen Ursachen der Erkrankung.

comdirect: 2018 gab es Rekordzahlen bei der Zulassung neuer Biotech‐Medikamente. Dennoch gingen auch die Aktienkurse anderer Biotech‐Gesellschaften zurück. Hat der Markt zuvor zu viel vorweggenommen?

Linimeier: Das glaube ich nicht. Erst einmal sind auch die Kurse der Biotech‐Unternehmen vor allem gegen Ende 2018 mit der allgemeinen Aktienmarkt‐Korrektur mit nach unten gelaufen. Außerdem wurde vor allem in den USA viel über die Medikamentenpreise diskutiert. Das hat die Anleger zeitweise etwas verunsichert. Und schließlich ist das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (M&A) nicht wie erwartet angesprungen. Inzwischen aber scheint der M&A-Motor gestartet zu sein.

comdirect: Ungeachtet zwischenzeitlicher Rückschläge ist die Biotechnologie für Sie demnach eine echte Wachstumsbranche?

Linimeier: Biotechnologie geht längst über die reine Grundlagenforschung hinaus. Mittlerweile stammt das Gros neuer medizinischer Therapien von Biotech‐ und nicht mehr von klassischen Pharma‐Unternehmen. Früher tödlich verlaufende Krankheiten lassen sich heute im Idealfall so behandeln, dass die Patienten noch jahrelang weiterleben oder sogar vollständig geheilt werden – zum Beispiel bei Hepatitis C. Ein neuer Innovationszyklus sorgt für eine signifikante Erneuerung und Erweiterung des Arzneimittelangebots. Zudem treiben der demografische Wandel und die Zunahme chronischer Erkrankungen das Wachstum an. Bis zum Jahr 2023 werden pro Jahr mehr als 50 Neuzulassungen aus dem Biotech‐Bereich durch die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA erwartet. Und laut Branchenexperten wird der weltweite Umsatz aller verschreibungspflichtigen Medikamente von 830 Milliarden US‐Dollar im Jahr 2018 auf 1,2 Billionen US‐Dollar im Jahr 2024 steigen. Dies entspricht einer annualisierten Wachstumsrate von 6,4 %.

comdirect: Hat die Biotechnologie der klassischen Pharmaindustrie inzwischen den Rang abgelaufen?

Linimeier: Ganz klar ja. Die großen Innovationen stammen heute von der Biotechnologie. Das ist auch der Hintergrund, warum sich hier Big Pharma einkauft. So hat Roche zuletzt für 4,3 Milliarden US‐Dollar Spark Therapeutics übernommen. Spark Therapeutics vermarktet ein gentherapeutisches Präparat zur Therapie einer seltenen Form der genetischen Erblindung und entwickelt zudem eine Gentherapie zur Behandlung von Hämophilie. Das ist eine lebensbedrohliche Blutgerinnungsstörung. Fast zeitgleich gab der französische Arzneimittelentwickler Ipsen bekannt, das amerikanische Biotechnologieunternehmen Clementia Pharmaceuticals für 1,3 Milliarden Dollar zu übernehmen. Clementia ist auf die Behandlung sehr seltener Knochenerkrankungen spezialisiert.

comdirect: Das lohnt sich auch für Aktionäre?

Linimeier: Die beiden genannten Übernahmen belegen, welche Dynamik Übernahmen entfachen können. Bei Spark beläuft sich der gebotene Aufschlag auf 122 %, bei Clementia immerhin noch auf 68 % auf den Schlusskurs vor Bekanntgabe der Übernahmeofferte.

comdirect: Bei welchen Krankheitsbildern sind in der nahen Zukunft die größten Fortschritte zu erwarten?

Linimeier: Zu den wichtigsten Wachstumsfeldern gehören Indikationen wie seltene Erkrankungen und Krebs. Zudem erleben wir einen medizinischen Durchbruch auf dem Gebiet der Gentherapie. Das Massachusetts Institute of Technology rechnet bis zum Jahr 2022 mit ungefähr 40 Neuzulassungen gentherapeutischer Ansätze. So können beispielsweise mithilfe der Gentherapie menschliche Immunzellen reprogrammiert werden, sodass diese Krebszellen attackieren und abtöten. Entsprechende gentherapeutische Ansätze sind im Jahr 2017 von der US‐Arzneimittelbehörde FDA zur Behandlung von Blutkrebs zugelassen worden.

comdirect: Eine gentherapeutische Behandlung ist extrem teuer und kann eine sechsstellige Summe pro Jahr kosten: Können die Krankenkassen das zahlen? Oder wird die Politik die Preise deckeln?

Linimeier: An eine Deckelung glaube ich nicht – und zwar aus zwei Gründen. Es stimmt zwar, dass eine gentherapeutische Behandlung sechsstellige Summen kosten kann. Wenn durch die entsprechende Behandlung eine Krankheit geheilt werden kann, entfallen aber die regelmäßigen Kosten einer herkömmlichen Therapie. Unter dem Strich kann eine einmalige Gentherapie somit preiswerter sein. Zweitens: Wenn jemand schwer erkrankt, aber behandelbar ist, spielen die Kosten für eine Therapie eine eher untergeordnete Rolle. Außerdem ist zu bedenken, dass das meiste Geld im Healthcare‐Bereich nicht in Therapeutika fließt, sondern in die Erbringung medizinischer Dienstleistungen. Dort sind die Einsparpotenziale um ein Vielfaches größer.

comdirect: Können die etablierten Biotech‐Unternehmen ihr Wachstum noch über einen längeren Zeitraum halten?

Linimeier: Im Gegensatz zu großen Pharma‐ und Biotechnologieunternehmen wird das Wachstum von Small und Mid Caps noch nicht durch Patentabläufe gebremst. Wenn einem kleineren Arzneimittelhersteller die Entwicklung eines ersten neuen Therapeutikums bis zur Marktreife gelingt, schlägt sich dies im Aktienkurs aufgrund der geringen Umsatzbasis noch viel stärker nieder als bei einem großen Biotech‐Konzern. Außerdem wird die Mehrzahl der bahnbrechenden Innovationen von klein‐ und mittelkapitalisierten Biotech‐Unternehmen entwickelt. Aus diesen Gründen konzentrieren wir uns bei Medical Strategy auf Werte aus der zweiten und dritten Reihe.

comdirect: Ist das Anlagerisiko bei Investitionen in Small und Mid Caps beherrschbar oder sollten Privatanleger grundsätzlich in spezialisierte Fonds/ETF investieren?

Linimeier: Der Biotechnologiemarkt birgt hohe Risiken bei der Wirkstoffentwicklung. Nur ein Bruchteil der potenziellen Medikamente erhält später wirklich eine Markzulassung. Wenn der Durchbruch erfolgt, gibt es sehr hohe Gewinnchancen. Wenn ein Wirkstoff aber wie jetzt bei Biogen in einem späten Stadium floppt, drohen Einbrüche. Um die Erfolgschancen einer Produktentwicklung abschätzen zu können, bedarf es einer gründlichen wissenschaftlichen und ökonomischen Expertise. Außerdem müssen Daten zu klinischen Studien oder Zulassungsentscheidungen kontinuierlich beobachtet und berücksichtigt werden. Ein aktiv gemanagter Healthcare‐Fonds kann Investoren tiefgreifendes medizinisches Know‐how und eine ausreichend große Risikostreuung bieten. Direktinvestitionen in Einzelwerte sind deshalb nur für besonders risikofreudige Anleger geeignet.

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