Interview: „Lassen Sie sich nicht verunsichern.“

Interview „Lassen Sie sich nicht verunsichern.“

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Dr. Hendrik Leber: Buffett first

© David Maupilé

Dr. Hendrik Leber

Dr. Hendrik Leber ist Gründer und Geschäftsführender Gesellschafter der ACATIS Investment Kapitalverwaltungsgesellschaft mbH mit Sitz in Frankfurt a. M. und Walzenhausen (Schweiz). Der überzeugte Vaue‐Investor und bekennende Fan der Investment‐Legende Warren Buffett‐Fan verwaltet mit seinem Team ein Vermögen von 7,3 Milliarden Euro (Stand 31.12.2020). Leber hat BWL studiert und in St. Gallen promoviert. Er startete seine Karriere bei McKinsey und wechselte dann zum Bankhaus Metzler, bevor er sich 1995 als Vermögensverwalter und Fondsinitiator selbständig machte.

Eine Erholung der Börsen bis zum Jahresende erwartet Acatis‐Chef Dr. Hendrik Leber. Warum er Einstiegschancen sieht, verrät er im Interview.

comdirect: Dr. Leber, der Blick ins Depot bereitet vielen Anlegern Unbehagen. Einfach weggucken oder lieber doch noch alles verkaufen?

Dr. Hendrik Leber: Kaufen, nicht verkaufen! Ich persönlich gucke, was noch an Barreserven da ist, um Aktien zu kaufen.

comdirect: Viele Anleger haben keine Barreserven mehr, sondern sind noch immer voll investiert. Kaufen und liegen lassen ist bei Kurseinbrüchen von zum Teil 40 % eine teure Strategie …

Dr. Hendrik Leber: Was ist denn so schlimm daran? Den Verlust gibt es ja nur auf dem Papier! Schlimm ist es nur für diejenigen, die das Geld bald benötigen. Ansonsten wird man vielleicht in drei Jahren ins Depot gucken und sich sagen: Gut, dass ich damals nicht ausgestiegen bin.

comdirect: Wie haben Sie Ihre Fonds durch die Turbulenzen gesteuert?

Dr. Hendrik Leber: Im Januar, als das Thema Corona noch von allen Seiten runtergespielt wurde, habe ich mir die Sterblichkeit in China angesehen und zum Beispiel unseren ACATIS Fair Value Vermögensverwaltungsfonds (WKN A0LHCM) gegen Kursverluste abgesichert. Bei anderen Fonds wie dem ACATIS Aktien Global (WKN 978174) verzichten wir auf Absicherungen, weil das von der Kundenseite nicht gewünscht ist. Motto: Aktienfonds ist Aktienfonds – unser Job ist es, die Aktien auszuwählen. Natürlich haben wir da auch Federn lassen müssen, aber wir sind aufgrund der Aktienauswahl besser als der MSCI.

comdirect: Die Börsen sind so schnell abgestürzt wie nie zuvor. Waren Investoren in Panik oder warum der schnelle Ausverkauf?

Dr. Hendrik Leber: Ich vermute, weniger Panik war der Treiber als vielmehr die Sicherstellung der Liquidität. Computer haben starke Kursverluste ausgelöst und wie Brandbeschleuniger gewirkt: Steigt die Volatilität, wird automatisch verkauft. Die Geschwindigkeit hat selbst manchen Profi überrascht. Ich habe erst einmal eine Art Beruhigungstalk im eigenen Team gemacht. Viele jüngere Mitarbeiter haben ja – anders als ich – bisher gar keine Krise miterlebt. Mich schreckt da nicht mehr so viel. Ölkrise, Irakkrieg, Internetblase, Finanzkrise – ich bin bisher aus jeder Krise wieder sehr gut herausgekommen – mit zum Teil sehr hohen Renditen. Oft gingen der Erholung aber auch einige Monate voraus, in denen wir unsere Kunden beruhigen mussten.

comdirect: Was unterscheidet denn diese Krise von anderen Krisen – zum Beispiel der Finanzkrise 2008?

Dr. Hendrik Leber: Meines Erachtens ist sie leichter zu handhaben. Bei der Finanzkrise war unklar, wo die Probleme sitzen – die Hypotheken waren in den Bilanzen verborgen, was die Unsicherheit erhöht hat. Die Krise 9/11 war politische Unsicherheit. Aber das Virus kann man modellieren. Würde man die Maßnahmen der sozialen Isolation jetzt konsequent durchziehen, wäre die Ausbreitung des Virus in wenigen Wochen eingedämmt, und Wirtschaft und Börsen würden sich erholen.

comdirect: Wenn man durch die Straßen geht und sieht, wie viele Menschen betroffen sind, kann einem angst und bange werden. Hat der ökonomische Stillstand weltweit nicht sehr viel gravierendere Konsequenzen?

Dr. Hendrik Leber: Der Schaden geht bei Corona in die Fläche, es sind viele kleine und Selbstständige betroffen und zum Teil auch Mittelständler, denen jetzt unbürokratisch geholfen werden muss. Für Investoren jedoch ist es jetzt einfacher: Ich gucke in die Bilanzen und sehe, ob ein Unternehmen genug Eigenkapital hat, um die Krise gesund zu überstehen.

comdirect: Es könnte ja auch einen Schneeballeffekt geben: Die Automobilindustrie hat die Produktion eingestellt, daran hängen Zulieferer, daran dann wiederum Messebauer, Agenturen, Caterer, Taxifahrer, Hotels und Restaurants. Auch bricht die Nachfrage weg. Was stimmt Sie so optimistisch, dass das kalkulierbar ist?

Dr. Hendrik Leber: Zwei Wochen Produktionsausfall machen circa 4 Prozentpunkte des Bruttosozialproduktes aus, vielleicht ist es etwas mehr. Wir beobachten, dass VW die Produktion vier Wochen lang stilllegt – aber wir wissen nicht, ob das anschließend in Sonderschichten nachgeholt wird und wie groß der Produktionsausfall am Ende wirklich ist. Zwar werden die Gewinne erst einmal deutlich zurückgehen, aber die Unternehmen werden sich wieder erholen.

Dr. Hendrik Leber: Buffett first

© David Maupilé

„Meine These: Bis zum Jahresende werden sich die Börsen wieder erholen – dann werden wir wieder die Kurse vom Jahresbeginn sehen!“

Dr. Hendrik Leber

Gründer und Geschäftsführender Gesellschafter der ACATIS Investment Kapitalverwaltungsgesellschaft mbH

comdirect: Was sind denn die Signale, auf die Sie achten? Wann ist der Boden erreicht?

Dr. Hendrik Leber: Ich unterscheide zwischen dem, was a) epidemiologisch passiert und wie b) die Börsen das verarbeiten. Und schließlich c) wie die Unternehmen in die Krise geraten und d) wann sich das in den Unternehmensergebnissen zeigt. Das sind verschiedene Zeitpunkte. Die Börse dürfte dann ihren Tiefpunkt erreichen, wenn das Erschrecken maximal ist, sich also alle am meisten fürchten. In Europa haben wir das meines Erachtens erreicht, hier herrscht ja Weltuntergangsstimmung. Aber die Amerikaner sind sich der Risiken noch nicht voll bewusst. Erst wenn sie merken, dass das Virus sie tatsächlich betrifft, werden wir meiner Meinung nach einen Tiefpunkt sehen. Wenn ich mir die Entwicklung der Neuinfektionen ansehe, dann erwarte ich, dass der Höhepunkt des Schreckens dort Anfang April erreicht werden wird.

comdirect: An schwierigen Zeiten sieht man, wer wenig Substanz hat. Welche Branchen sind am stärksten unter Druck?

Dr. Hendrik Leber: Die Luftfahrt oder Reisebranche trifft es hart, auch den Automobilanbietern ist die Nachfrage weggebrochen. Die Großen werden von der Bundesregierung aber sicher nicht fallen gelassen, sondern – wenn nötig – mit Notgeld versorgt. Als Aktionär kann man dann aber nicht auf bevorzugte Behandlung hoffen. Unter dem Strich muss man sich jedes Unternehmen im Detail angucken. Kriterien für Qualität sind neben dem Geschäftsmodell und der Marktmacht vor allem starke Bilanzen mit guter Eigenkapitalausstattung.

comdirect: Aktien haben massiv verloren, aber auch Anleihen, Rohstoffe, Bitcoin und Edelmetalle. Heißt das, dass Risikomanagement via Diversifizierung nicht mehr funktioniert?

Dr. Hendrik Leber: Ich glaube, die Risikostreuung über Asset‐Klassen hat grundsätzlich an Bedeutung verloren. Alle Asset‐Klassen sind zu sehr durch Computermodelle vernetzt – und dann ist alles auch noch weltweit vernetzt. In Stresssituationen funktioniert die Diversifikation nicht mehr.

comdirect: Gibt es noch eine Möglichkeit, Risiken zu begrenzen?

Dr. Hendrik Leber: Jetzt nicht mehr! Das Kind ist in den Brunnen gefallen, und jede Kurssicherung, die ich jetzt kaufe, ist extrem teuer. Die Volatilität ist hoch wie nie. Für die Zukunft rate ich, nicht allzu sorglos zu sein und sich daran zu erinnern, welche Risiken bestehen.

comdirect: Welchen Rat können Sie Anlegern geben?

Dr. Hendrik Leber: Lassen Sie sich nicht verunsichern! Vermögen werden in der Krise gemacht. Wer jetzt Pulver trocken hat, sollte es in den kommenden Wochen investieren. Ich denke, so günstig wird man Qualität in den nächsten Jahrzehnten nicht wieder bekommen.

comdirect: Und womit trösten Sie die Anleger, die den Crash voll mitgemacht haben? Wie viel Zeit müssen sie mitbringen, bis die Börsen wieder alte Niveaus erreichen?

Dr. Hendrik Leber: Ich glaube, das kann sehr schnell gehen. Ich habe großes Vertrauen in die Pharma‐Forschung. Aktuell wird weltweit unter Hochdruck geforscht. Und angenommen, wir hätten Schnelltests und könnten alle Infizierten sehr schnell isolieren: Dann wäre das Thema in wenigen Wochen vom Tisch. Gleiches gilt, wenn es eine Behandlung gegen die Lungenentzündung oder einen Corona‐Impfstoff gibt. Die Leute haben dann aufgestauten Bedarf und wieder Lebenslust – dann wird ein Auto oder Smartphone gekauft, und es strömt wieder Geld in den Markt. Meine These: Bis zum Jahresende werden sich die Börsen wieder erholen – dann werden wir wieder die Kurse vom Jahresbeginn sehen!

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