Interview: China will an die Weltspitze

Interview „China will an die Weltspitze!“

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Karl Pilny

Dr. Karl Pilny

ist Wirtschaftsjurist und Professor für International Technology Transfer Management an der bbw Hochschule – University of Applied Sciences in Berlin. Pilny ist ausgewiesener Asienkenner und Autor zahlreicher Bücher, darunter die Trilogie „Das asiatische Jahrhundert“ oder der „Investment‐Guide Asien“. Sein neuestes Buch „Asia 2030 – was der globalen Wirtschaft blüht“ ist gerade erschienen.

Buchcover Asia 2030

Warum die Industriepolitik der Regierung Früchte trägt und worauf Anleger achten sollten, erklärt Asienexperte Karl Pilny im Interview.

comdirect: Professor Dr. Pilny, vorweg Ihre kurze Einschätzung: Was bringt China das „Jahr des Schweins“?

Karl Pilny: 2019 dürfte ein spannendes Jahr werden. Das Wachstum verlangsamt sich, ab 2021 tritt ein neuer Fünfjahresplan in Kraft. Die Transformation – weg von der Billigproduktion hin zur qualitativ hochwertigen Wirtschaft und Gesellschaft – wird weiter vorangetrieben werden.

comdirect: Sie haben 2005 ein Buch mit dem Titel „Das asiatische Jahrhundert“ veröffentlicht – der Auftakt einer Trilogie über den schnell wachsenden Kontinent. Nach wie vor dominieren jedoch die USA die Weltwirtschaft. Waren Sie zu früh?

Karl Pilny: Nein. Alles, was ich damals beschrieben habe, ist nicht nur eingetreten, sondern sogar noch schneller als gedacht. Die Entwicklung nimmt an Fahrt auf, ohne dass wir hier im Westen das so richtig bemerken. Im vergangenen Jahr gab es in Hongkong mehr Börsengänge als in New York und bei Patentanmeldungen ist China seit vorletztem Jahr führend.

comdirect: China wurde nach Ausbruch der Finanzkrise als neue Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft gefeiert. In den vergangenen Jahren jedoch haben viele Analysten vor allem auf die Risiken geblickt…

Karl Pilny: Die Wachstumstreiber sind intakt, aber die Entwicklung erfolgt eben nicht linear. Mit dem Anstieg der US‐Zinsen floss Kapital aus den Schwellenländern ab, auch aus China. Zudem legt die Regierung mehr Wert auf die Qualität des Wachstums – China setzt nicht mehr auf Rohstoffe und einfachen Konsum, sondern deckt komplette Wertschöpfungsketten ab. Das dämpft das Wachstum.

comdirect: Vielfach wird mit der schieren Größe und dem Aufholbedarf der schnell wachsenden chinesischen Mittelschicht argumentiert. War oder ist diese Sicht auf die Dinge zu naiv?

Karl Pilny: Seit der Öffnung des Landes durch Deng Xiaoping 1978 hat sich das Pro‐Kopf‐Einkommen der Chinesen – genau wie der Export – verhundertfacht, das BIP ist um das 60‐Fache gestiegen! China ist seit 2010 die größte Handelsmacht und seit 2012 die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde. Aufholbedarf gibt es daher in vielen Bereichen nicht mehr, weil Sättigung eingetreten ist. Entsprechend verliert diese Art des Wachstums an Bedeutung. Ein Beispiel: Vor zehn Jahren etwa lag die Mobilfunkabdeckung bei 20 %, heute gibt es in China mehr als 800 Millionen Mobilfunkverträge. Da sind neue Wachstumstreiber gefragt.

comdirect: Weg vom Billigproduzenten hin zum Technologieführer: Gelingt die Transformation?

Karl Pilny: China will dahin, wo das Land vor 2.000 Jahren war: an die Weltspitze. Strategisches Ziel der Regierung ist es, spätestens zum 100‐jährigen Bestehen der Volksrepublik im Jahre 2049 wieder ganz oben zu stehen – ökonomisch und politisch. Dafür wird seit Jahren einiges getan: Die Regierung investiert massiv in Forschung und Entwicklung; Exzellenz‐Universitäten sprießen aus dem Boden, gefördert werden gezielt die wichtigen Zukunftsbranchen wie künstliche Intelligenz, E‐Mobilität, Genome‐Editing und Biotechnologie. Die Industriepolitik, die die Regierung konsequent verfolgt, hat mit der Seidenstraße auch geopolitische Komponenten. Auch das Engagement in Afrika und Südamerika sowie die Übernahme von Unternehmen in Schlüsselbranchen zeigen, wie konsequent die strategischen Ziele umgesetzt werden. China hat einen Wettbewerb der Systeme entfacht.

comdirect: China beteiligt sich in Afrika an öffentlichen Einrichtungen, baut Infrastruktur und finanziert ganze Städte. Der Ausverkauf des afrikanischen Kontinents wird hier kritisch gesehen…

Karl Pilny: Das ist immer auch etwas scheinheilig. Die westlichen Staaten haben über Jahrzehnte selbst nichts anderes gemacht, als sich den Zugang zu Rohstoffen und Märkten zu sichern. Allein: Die Chinesen machen es konsequenter und besser! China ist mit einem Handelsvolumen von zuletzt 170 Milliarden US‐Dollar längst wichtigster Handelspartner Afrikas, Investitionen im Wert von 60 Milliarden US‐Dollar sollen in den Kontinent fließen und Hunderttausende Arbeitsplätze entstehen. Das halbherzige Engagement der westlichen Welt hat zu nichts geführt. Nun hofft man in Afrika auf einen nachhaltigen Entwicklungsschub.

comdirect: Mit der neuen Seidenstraße soll ein Wirtschaftskorridor von China nach Südostasien, Europa und Afrika entstehen. Welche Bedeutung hat das – auch für die westlichen Industrienationen?

Karl Pilny: Die Seidenstraße hat geopolitische Komponenten – und zwar über zwei Stränge: zum einen über die Landseidenstraße, die Zentralasien aus den Fängen Russlands befreien soll. Zum anderen über die wichtigere maritime Seidenstraße, die die globale Wertschöpfungskette vertieft. Für die globale Wirtschaft bieten sich dadurch viele Chancen. Ich kann den westlichen Industrienationen nur raten, hier mitzugestalten. Nur wer mitmacht, kann profitieren.

comdirect: Demokratiedefizit, Überwachungsstaat, wachsende Verschuldung des Unternehmenssektors, Geisterstädte: Welche Risiken sehen Sie?

Karl Pilny: China ist trotz der Größe ein homogenes Land. Massive Unruhen oder Spaltungstendenzen sehe ich nicht, da ist noch zu wenig Druck im Kessel. Die Bevölkerung ist unpolitisch und reagiert nur dann, wenn sie persönlich betroffen ist – zum Beispiel durch Smog oder schadstoffbelastetes Milchpulver. Deshalb wird die Regierung alles tun, um diese Probleme zu lösen. Und was die Verschuldung angeht: In China ist sie tragbar und basiert zum Großteil auf Investitionen. Da mache ich mir mehr Sorgen um die USA.

comdirect: Investitionen sind in China vor allem in den – unproduktiven – Immobiliensektor geflossen. Sehen Sie das Risiko einer Blasenbildung?

Karl Pilny: Nein! Hier in Deutschland präsentiert man gerne die Geschichte von Geisterstädten, die völlig am Bedarf vorbeigebaut werden. Fakt ist: Städte schießen wie Pilze aus dem Boden, aber sie werden auch gebraucht, weil immer mehr Menschen vom Land in die Städte ziehen.

comdirect: An der Börse zeigt sich: Hustet die US‐Wirtschaft, bekommt die chinesische Wirtschaft eine Grippe. Wie abhängig ist China von der Weltwirtschaft?

Karl Pilny: China hat einen riesigen Binnenmarkt, der enorme Chancen bietet. Aber natürlich hängt die Wirtschaft des Landes nach wie vor an der Weltwirtschaft. Der Handelskonflikt zeigt jedoch: Das mit dem Husten und der Grippe gilt auch umgekehrt…

comdirect: Zwingt Trump die Chinesen in die Knie – oder andersherum?

Karl Pilny: Handelshemmnisse dämpfen das Wachstum aller Volkswirtschaften. Die US‐Wirtschaft ist genauso abhängig vom chinesischen Markt wie umgekehrt. Das zeigt sich am Beispiel Apple. Der Handelskonflikt hat dem iPhone‐Konzern im vergangenen Quartal das Wachstum versaut und für einen massiven Kursrutsch an der Börse gesorgt. Fakt ist: Die USA sind wirtschaftlich nach wie vor dominant – sie stehen für 15 bis 20 % des weltweiten Bruttoinlandsproduktes (BIP). Aber die Bedeutung nimmt ab, während der chinesische Anteil am globalen BIP steigt.

comdirect: Anleger haben mit Beteiligungen an chinesischen Unternehmen in den vergangenen Jahren wenig Freude gehabt. Wie sind die Aussichten?

Karl Pilny: Der langfristige Wachstumstrend ist intakt, die Herausforderung für Investoren liegt nun darin, Unternehmen zu identifizieren, die auch in gesättigten Märkten wachsen. Chinesen geben etwa zunehmend Geld für Freizeitvergnügen aus – sie wollen Erlebnistourismus oder Erlebnisgastronomie. Auf der anderen Seite gibt es industriepolitische Ziele, die die Regierung mit ihren Fünfjahresplänen verfolgt. Anleger sollten das bei der Aktienauswahl berücksichtigen.

comdirect: Welchen Rat können Sie geben?

Karl Pilny: Ich denke, dass Investoren gut daran tun, sich an den industriepolitischen Prioritäten der Zentralregierung zu orientieren. Unternehmen der Zukunftsbranchen sollen zu globalen Champions werden. „Made by China“ lautet die Devise, die zum Qualitätssiegel aufgebaut wird. So dürften Internetwerte wie Alibaba, Tencent oder Baidu über kurz oder lang an der amerikanischen Konkurrenz vorbeiziehen. In spätestens fünf Jahren dürfte China zudem der größte Produktions‐ und Absatzmarkt für Robotik, Automation und künstliche Intelligenz sein. So, wie China heute schon die Nummer eins in der E‐Mobilität ist.

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