Henning Gebhardt

Interview „DAX-Ziel 2019: 12.600 Punkte“

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Henning Gebhardt

gehört zu den profiliertesten deutschen Anlagespezialisten. Nach rund 20 Jahren bei der DWS leitet er seit 2017 das Wealth and Asset Management bei Berenberg.

Das Wachstum lässt nach, die Belastungen aber auch: Deshalb erwartet Henning Gebhardt steigende Kurse in Europa und den Emerging Markets.

comdirect: Herr Gebhardt, wie war das Anlagejahr 2018 für Sie?
Henning Gebhardt: In einem Wort: enttäuschend. Denn die gute Konjunktur der Weltwirtschaft und die positive Gewinnentwicklung der Unternehmen haben sich nicht in den Börsenkursen widergespiegelt. Im Gegenteil: In den USA haben 20 % Gewinnplus gerade für eine schwarze Null in den wichtigsten Indizes gereicht. In Europa sind die Kurse sogar zurückgegangen, obwohl die Unternehmen rund 10 % mehr verdient haben als im Vorjahr. Der Handelskrieg mit China und politische Unsicherheiten und Belastungen wie der Brexit und die italienische Regierung haben zu stark auf den Kursen gelastet.

comdirect: Wird sich die Enttäuschung fortsetzen, wenn 2019 auch noch das globale Wachstum nachlässt?
Henning Gebhardt: Davon gehe ich nicht aus. Die Aktienmärkte sind durch die Kursverluste deutlich günstiger bewertet und wir erwarten weiterhin ein ordentliches Wachstum für die Weltwirtschaft und die Unternehmensgewinne. In Europa könnte das Plus knapp zweistellig bleiben. In den USA ist zwar mit einem Rückgang zu rechnen, weil die Effekte der Steuerreform zum Teil auslaufen. Aber auch hier schätzen wir das Plus auf rund 10 % – und das ist für die Spätphase eines Wirtschaftszyklus beachtlich. Die USA haben aus unserer Sicht den Peak der Inflation überschritten und nur 3 % Lohnkostenzuwachs bei Vollbeschäftigung. Die Notenbank muss daher die Leitzinsen nicht mehr so schnell anheben.

comdirect: In Deutschland erreichen die Inflationsraten langsam ein Niveau, das die Europäische Zentralbank (EZB) anstrebt. Soll die EZB bei ihrer Nullzinspolitik bleiben?
Henning Gebhardt: Eigentlich müsste man sich wünschen, dass die EZB die Zinsen erhöht. Denn Negativzinsen haben insgesamt keine positiven Auswirkungen. Höhere Zinsen würden auch dem Bankensystem helfen. Eine Normalisierung wäre langsam an der Zeit. Aber für zahlreiche Länder der EU‐Zone wäre sie auch bedrohlich – zumal die Konjunktur insgesamt schwächer wird.

comdirect: Welche Regionen sind im kommenden Jahr für Anleger am spannendsten?
Henning Gebhardt: Der amerikanische Markt ist am höchsten bewertet, hat aber das attraktivste Wachstum. Ohne Engagement in den USA kommen Anleger nicht aus, vor allem im Hightech‐Bereich. In Europa haben 2018 Unsicherheiten um Themen wie Brexit, Italien und Inflation die Stimmung stark gedrückt. In diesen Problemfeldern dürfte sich in den nächsten Monaten einiges klären. Wenn sich dabei Entspannung abzeichnet, gibt es ordentliches Aufholpotenzial.

comdirect: Was bedeutet das für den DAX in Zahlen?
Henning Gebhardt: Der DAX hat 2018 noch stärker gelitten als andere europäische Indizes. Das liegt an der starken Exportorientierung, aber auch an Sonderproblemen wie etwa bei Bayer oder den Automobilwerten. Der deutsche Aktienmarkt ist auf Basis der aktuellen Gewinne sehr attraktiv bewertet. Wir erwarten, dass sich das Kurs‐Gewinn‐Verhältnis im DAX bei rund 12,5 einpendelt. Bei Gewinnerwartungen von gut 1.000 Indexpunkten entspricht das zum Jahresende 2019 einem DAX‐Ziel von 12.600 Punkten.

comdirect: Aus welchen Branchen erwarten Sie 2019 positive Überraschungen?
Henning Gebhardt: Vor allem die großen Enttäuschungen des Jahres 2018 sind für Überraschungen gut: Der Automobilsektor könnte auch wegen der aktuellen Zulassungsprobleme einen positiven Sondereffekt haben. Pharma und Gesundheit bieten nach einem durchwachsenen Jahr Aufholpotenzial und im Konsumsektor sind ausgewählte Marken mit starken Bilanzen interessant. Ohnehin stehen bei schwächerem Wachstum wetterfeste Unternehmen mit hohen Dividendenrenditen stärker im Fokus, zum Beispiel auch die Chemiewerte. Einige Kursrückgänge des Jahres 2018 scheinen überzogen. Auch die Automobilzulieferer wurden arg abgestraft.

comdirect: Die Zulieferer stammen oft aus dem SDAX und MDAX: Setzt sich der langjährige Trend zu den Mid‐Small‐Caps fort?
Henning Gebhardt: Davon würde ich stark ausgehen. Wir haben in den Standardwerte‐Indizes wie DAX oder Euro STOXX 50 einige Branchen, die strukturelle Probleme haben – etwa Banken und Stahl. Die Dynamik der Unternehmen aus diesen Sektoren kann nicht mit dem allgemeinen Umfeld mithalten. Kleinere Firmen haben es deutlich leichter. Neben unseren expliziten Nebenwertefonds steuern wir deshalb alle anderen Aktienfonds als All‐Cap‐Produkte. Das bedeutet: Nebenwerte sind zugelassen und werden gegenüber der Benchmark systematisch übergewichtet.

comdirect: Die Emerging Markets haben zuletzt unter dem starken Dollar gelitten. Ist hier eine Trendwende in Sicht?
Henning Gebhardt: Der Dollar könnte ein bisschen Stärke einbüßen, weil die Zinsen nicht mehr so stark erhöht werden. Das dürfte den Emerging Markets helfen. Man darf nicht vergessen: Die Schwellenländer stehen insbesondere in Asien fundamental erstaunlich gut da. Abgesehen von wenigen Ausnahmen etwa in Südamerika geben Handelsbilanzen und Budgetdefizite kaum Anlass zur Sorge. Zudem sind die Unternehmen aus den Emerging Markets nach den jüngsten Korrekturen niedrig bewertet. Deshalb können sie 2019 und auch auf Sicht von mehreren Jahren positiv überraschen.

comdirect: Braucht man heute noch Anleihen – oder sind sie in Nullzinszeiten kontraproduktiv?
Henning Gebhardt: Der ein oder andere sagt: Anleihen sind Risiko ohne Zins. Und in der Tat ist das Risiko von Kursverlusten bei steigenden Zinsen enorm. Im Segment der High‐Yield‐Unternehmensanleihen sind zudem die Risikoaufschläge sehr gering. Wenn wir in den nächsten zwei oder drei Jahren doch noch eine Rezession erleben, könnte es gerade im High‐Yield‐Sektor sehr schmerzhaft werden. Am attraktivsten erscheinen mir in einem solchen Umfeld fünf‐ bis zehnjährige US‐Staatsanleihen. 3 % Zinsen sind nicht ganz schlecht. Und wenn die Märkte schwierig werden, sind US‐Bonds immer ein wirksamer Schutz.

comdirect: Schutz in stürmischen Zeiten bieten auch zehnjährige Bundesanleihen. Würden Sie die bei einer aktuellen Rendite von unter 0,5 % ebenfalls kaufen?
Henning Gebhardt: So weit geht die Angst vor Turbulenzen dann doch nicht. Mit Bundesanleihen sind reale Verluste auf mittlere Sicht fast programmiert. Die EZB‐Ankaufpolitik war ein wesentlicher Grund für das Tief bei den Anleiherenditen. Dieser Impuls wird kleiner und man muss mit höheren Zinsen rechnen. Interessanter für Trader scheinen da noch italienische Staatspapiere. Sie rentieren deutlich höher, die italienische Staatsanleihe ist noch nie ausgefallen und das Land hat einen Primärüberschuss. Aber: Die italienische Regierung testet seit einiger Zeit die Nerven der Märkte. Es gibt keine Garantie dafür, dass da kein Unfall passiert.

Aktien unterliegen Kursschwankungen, damit sind Kursverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Die Beschreibung der Wertpapiere stellt keine Kauf‐ oder Verkaufsempfehlung dar. Die Darstellung gibt nicht die Meinung von comdirect wieder. Sie dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageempfehlung dar. Stand: 27.02.2019.