Über Psychofallen, Risikokompetenz und fehlendes Know-how

Geldanlage Fehler vermeiden!

Geschätzte Lesedauer: 5 Minuten

Selb­sttest

Ken­nen Sie Ihre Fehler bei der Gel­dan­lage? Laden Sie unseren Selb­sttest als PDF herunter und check­en Sie, wo Ihre Stärken und Schwächen liegen.

Fehler gehören zum Leben – irren ist ein­fach men­schlich. Aber müssen wir bei der Geld­anlage deshalb gle­ich in jede Falle tap­pen? Unser Dossier zeigt Ihnen, wie Sie Fehler erken­nen und ver­mei­den.

Der Men­sch ist ein selt­sames Wesen. Er fürchtet sich vor Haien, nicht aber vor Kokos­nüssen. Er hat Angst vorm Fliegen, der­weil er mit Voll­gas über die Auto­bahn zum Flughafen rast. Er liebt ­Auk­tio­nen und wählt beim Tele­fonieren und auch beim Sport bevorzugt eine Flat­rate, weil er Geld sparen will.

Logisch ist das alles nicht. Das Risiko, von einem Hai ange­grif­f­en zu wer­den, geht bei Nor­mal­sterblichen gen null, während eine Kokos­nuss einem im Urlaub schon ein­mal auf den Kopf fall­en kön­nte – schließlich rauscht alle 1,34 Sekun­den ein solch­es Zwei-Kilo­gramm-Geschoss irgend­wo aus großer Höhe zu Boden. Gemessen am tat­säch­lichen Risiko ist auch die Angst vor dem Fliegen irra­tional – der Weg im Auto hin zum Flughafen ist weitaus gefährlich­er.

Bei Auk­tio­nen sparen wir sel­ten, son­dern zahlen meist drauf – schließlich wollen wir „gewin­nen“. Und die Fla­trate? Fühlt sich gut an, aber rech­net sie sich? Unter­suchun­gen aus den USA bele­gen: Wer nur für den tat­säch­lichen Besuch des Fit­nessstu­dios zahlt, spart im Schnitt sieben US-Dol­lar pro Sport­stunde.

Bei der Gel­dan­lage ist es um den Sinn für Real­itäten kaum bess­er bestellt. Wir lassen uns von Emo­tio­nen lenken und belü­gen uns schon bei der Frage, wie viel Risiko wir eigentlich finanziell und psy­chisch ver­kraften. Warum ist das so? Und warum ler­nen wir (fast) nie aus Fehlern, son­dern wieder­holen sie fast schon trotzig, obwohl wir es bess­er wis­sen müssten? Antworten geben Hirn­forsch­er und Ökonomen. Sie erk­lären, wie Biolo­gie und Invest­ments zusam­men­spie­len. Und sie ver­rat­en, wie Anleger sich vor unlieb­samen Fol­gen schützen kön­nen.

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© laif

Geld aktiviert ­Bere­iche im Gehirn, die auch durch Nahrung oder ­Sex­u­al­part­ner angeregt wer­den“ — Pro­fes­sor Dr. Bernd Weber, Neu­roökonom

Verstand setzt aus

Vor­ab zu Ihrer Beruhi­gung: Wenn es ums Geld geht, set­zt der Ver­stand bei den meis­ten Men­schen aus. Je bess­er die Gewin­naus­sicht­en, desto stärk­er die vernebel­nde Wirkung. Pro­fes­sor Bernd Weber, Neu­roökonom an der Uni­ver­sität Bonn und Leit­er der Geschäft­sein­heit Neu­roe­co­nom­ics der Life & Brain GmbH, kann das sog­ar bildlich bele­gen. Dazu hat er Proban­den in die Röhre gelegt. Mit­tels Mag­ne­tres­o­nanz­to­mo­grafie (MRT) wird sicht­bar gemacht, welche Gehirn­re­gio­nen wann wie stark durch­blutet und ergo ­aktiv sind – etwa wenn wir Entschei­dun­gen tre­f­fen. „Im MRT zeigt sich, dass Geld eine extrem starke Wirkung auf unser Gehirn hat“, so der Wis­senschaftler. „Es aktiviert Bere­iche, die auch durch Nahrung oder ­Sex­u­al­part­ner angeregt wer­den.“

Kein Wun­der also, dass es schw­er­fällt, die Dinge unter Kon­trolle zu hal­ten. Wir sind eben biol­o­gis­che Wesen und lechzen nach dem Glück­shormon Dopamin. Gewinne lassen uns wie Sieger fühlen, aber weil wir uns daran gewöh­nen, brauchen wir immer mehr, um das pos­i­tive Gefühl zu erzie­len. Ver­luste dage­gen tun uns so weh, dass wir die Freude am Gewinn gar nicht mehr wahrnehmen kön­nen. 1.000 Euro Gewinn und 1.000 Euro Ver­lust machen also niemals null. Selb­st 1.000 Euro ­Gewinn und neun­mal 100 Euro Ver­lust wer­den als Nieder­lage wahrgenom­men.

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© Sebas­t­ian Krey

Das Gehirn ist ein ewiges Minen­feld, weil wir durch Abkürzun­gen per­ma­nent Fehlschlüsse pro­duzieren“ — Pro­fes­sor Dr. Wal­ter Krämer,  Math­e­matik­er

Im Scan zeigt sich auch, dass es bei Men­schen offen­sichtlich eine Grunddispo­sition für den Umgang mit Risiken gibt. „Die Hirn­re­gio­nen bei risikofreudi­gen und risikoa­versen Anlegern sind unter­schiedlich aktiv“, sagt der Neu­roökonom. Kol­le­gen von ihm von der Uni­ver­sität Bonn kon­nten zeigen, dass große Men­schen aus Eltern­häusern mit hohem Bil­dungsniveau im Schnitt risikofreudi­ger (und übri­gens auch glück­lich­er) als kleinere Men­schen sind. Erk­lärt das, warum Frauen bei der Gel­dan­lage weniger Risiken schul­tern wollen? „Frauen sind unter dem Strich risiko­averser“, weiß Weber. „Und je kom­plex­er die Sit­u­a­tion, desto eher han­deln wir aus dem Bauch her­aus.“

Risikoscheu oder risikoavers – das sagt erst ein­mal wenig über den Erfolg bei der Gel­dan­lage aus. „Gier frisst Hirn“ heißt es zwar an der Börse – wer zu viel will und sich über­schätzt, riskiert mitunter Ver­luste. Im Zin­stief aber kann auch die Angst vor Risiken in die Ver­lust­zone führen, weil die Infla­tion am unverzin­sten Kap­i­tal nagt. Möglich also, dass man höhere Risiken tra­gen muss, um Ver­mö­gen auf­bauen zu kön­nen. Was aber ist Risiko über­haupt?

Risikokompetenz fehlt

Pro­fes­sor Gerd Gigeren­z­er, Direk­tor des Hard­ing-Zen­trums für Risikokom­pe­tenz am Max-Planck-Insti­tut für Bil­dungs­forschung in Berlin, unter­schei­det zwis­chen Ungewis­sheit und Risiko. Ungewis­sheit ist dif­fus und damit unberechen­bar, Risiken dage­gen lassen sich kalkulieren und ergo opti­mieren. Dazu allerd­ings, so seine Ein­schätzung, fehle den meis­ten Men­schen das Handw­erk­szeug. „Men­schen wieder­holen viele Fehler, weil die Risikokom­pe­tenz nicht aus­ge­bildet ist.“

Der Umgang mit Zahlen und Wahrschein­lichkeit­en fällt den meis­ten Men­schen schw­er. Selb­st der Math­e­matik­er Got­tfried Wil­helm Leib­niz, der Erfind­er der Dezi­malrechnung, soll Wahrschein­lichkeit­en falsch berech­net haben, so Wal­ter Krämer, Pro­fes­sor für Sta­tis­tik an der Uni­ver­sität Dort­mund. „Bei mir wäre Leib­niz durch die Klausur gefall­en.“

Woran es liegt? „Am Schalt­mech­a­nis­mus im Hirn“, sagt Krämer. Das Gehirn sei ein ewiges Minen­feld, weil wir durch Abkürzun­gen per­ma­nent Fehlschlüsse pro­duzierten. „Genetisch gle­ichen wir Urwaldaf­fen. Das Risikover­hal­ten ist seit Mil­lio­nen Jahren tief ver­ankert, obwohl es unter den verän­derten Lebens­be­din­gun­gen längst kon­trapro­duk­tiv ist.“ Beispiel Gift im Essen: Früher war es über­lebenswichtig, Gift im Essen zu mei­den. Dank inno­v­a­tiv­er Analysemeth­o­d­en wer­den heute aber bere­its kle­in­ste Gift­men­gen aufge­spürt – und Men­schen reagieren in Panik. „Als der Diox­in­skan­dal durch die Medi­en geis­terte, haben Ver­brauch­er über Wochen keine Eier mehr gegessen“, erin­nert sich Krämer. „Dabei hät­ten sie drei Ton­nen ­täglich essen müssen, um ihre Gesund­heit zu gefährden.“

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© MPI fuer Bil­dungs­forschung, Diet­mar Gust

Die Suche nach dem Opti­mum ist das ­sich­er­ste Rezept zum Unglück­lich­sein“ — Pro­fes­sor Gerd Gigeren­z­er, Psy­chologe und Risiko­forsch­er

Schaltkreise im Hirn neu zu ver­legen, ist schw­er. „Zumal in Geld­din­gen“, weiß Bernd Weber, „weil der Wohlfühlfak­tor bei Entschei­dun­gen eine wichtige Rolle spielt.“ Das erk­lärt auch den Tun­nel­blick. Gesucht wer­den in erster Lin­ie Infor­ma­tio­nen, die die eigene Posi­tion bestäti­gen. Gegen­sät­zliche Infor­ma­tio­nen fall­en ein­fach unter den Tisch.

Was also tun, um zu guten Ergeb­nis­sen zu gelan­gen? Helfen kön­nten zum Beispiel verän­derte Rah­menbe­din­gun­gen. Opt-out statt Opt-in – also aktiv Nein sagen müssen, anstatt aktiv zuzus­tim­men. In den USA wurde das Prinzip auf Anre­gung des amerikanis­chen Ver­hal­tens­forsch­ers Richard Thaler bei der staatlich gestützten betrieblichen Altersvor­sorge einge­führt. Ergeb­nis: Die Zahl der­er, die für das Alter vor­sor­gen, ist seit­dem deut­lich gestiegen. Genau­so kön­nte es hil­fre­ich sein, zukün­ftige Gehalt­ser­höhun­gen für die Altersvor­sorge zu nutzen. „Das tut weniger weh, weil man nichts hergeben muss“, sagt Neu­roökonom Weber. „Es entste­ht nicht das Gefühl eines Ver­lustes.“
Bernd Anken­brand, Pro­fes­sor an der Hochschule für ange­wandte Wis­senschaften Würzburg-Schwe­in­furt, emp­fiehlt, zur Selb­stüberlis­tung ein­fach ein­mal den Blick­winkel zu ändern – weg vom Risiko, hin zu Lebenssi­t­u­a­tio­nen. Was will ich ­etwa bis 2035 erre­ichen? Viele Fra­gen beantworte­ten sich bei dieser Betra­ch­tung von selb­st.

Einfach nur gut genug

Gerd Gigeren­z­er rät in kom­plex­en Situa­tionen zu ein­fachen Heuris­tiken – Strate­gien also, die mit begren­ztem Wis­sen und ­angemessen­em Aufwand zu guten Lösun­gen führen. Für Anleger heißt das: eigene Ziele set­zen, nur kaufen, was man ver­ste­ht, Risiken streuen, auf Gebühren acht­en und nach fes­ten Regeln investieren – etwa ein Drit­tel in Aktien, ein Drit­tel in Festverzinslichen und ein Drit­tel in Immo­bilien. „In Sit­u­a­tio­nen von Unsicher­heit wer­den wir immer auch Fehler machen“, so der Psy­chologe.

Einen Fehler jedoch soll­ten wir in allen Lebensla­gen ver­mei­den, ob bei der Gel­dan­lage, der Part­ner­wahl oder dem sim­plen Kauf ein­er Hose: uns stets auf die Suche nach dem Opti­mum zu begeben. „Das ist das sich­er­ste Rezept zum Unglück­lich­sein“, mah­nt Gigeren­z­er. Glück­lich­er mache ein beherztes „gut genug“.

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