Thomas Rappold

Interview „Eine Blase kann ich nicht erkennen!“

Thomas Rappold

ist Geschäftsführer des Tech-Portals silicon-valley.de und Autor des Buches „Silicon Valley Investing

Technologie bleibt auf der Überholspur, glaubt Silicon-Valley-Kenner Thomas Rappold. Warum, erklärt er im Interview.

comdirect: Herr Rappold, gerade hat IBM den Cloud-Anbieter Red Hat für 34 Milliarden US-Dollar übernommen, also mit einem Aufschlag von 60 % auf den Kurs. Ist der Preis gerechtfertigt oder hat die Branche die Bodenhaftung verloren?
Thomas Rappold: Die Quartalszahlen haben gezeigt, dass IBM (WKN 851399) im Cloud-Segment wachsen muss. Und das ist nur über Zukäufe möglich. Red Hat ist eines der wenigen Cloud-Unternehmen, deren Erträge seit 2003 kontinuierlich steigen. Dazu kommt: Red Hat ist wie IBM im Blockchain-Segment federführend und arbeitet mit Open Source. Es hat bewiesen, dass man damit Geld verdienen kann. Der Schritt war für IBM also extrem wichtig und der Preis gerechtfertigt, weil Red Hat ein Kronjuwel des Wachstumssegments ist.

comdirect: Der Technologiesektor hat sich in den vergangenen Jahren besser als der Markt entwickelt. Keine Angst vor Blasenbildung?
Thomas Rappold: Eine Blase kann ich nicht erkennen. Sorge bereitet mir eher, dass Anleger sich schon nach kurzen Rücksetzern an das Platzen der Internetblase erinnert fühlen könnten, sodass normale Korrekturen zu einer Glaubenskrise führen. Aber der Markt heute ist mit dem zur Jahrtausendwende gar nicht zu vergleichen.

comdirect: Facebook und Twitter laufen die User davon, Snapchat leidet unter Nutzerschwund und sucht nach einem Geschäftsmodell. Was ist anders als vor dem Platzen der Internetblase?
Thomas Rappold: Die Unternehmen wachsen rasant und machen Gewinne. Zwar ebbt der Schwung im Konsumentenbereich etwas ab. Selbst Pone Ma, einer der Gründer des chinesischen Internetkonzerns Tencent (WKN A1138D), hat in einem offenen Brief an die Aktionäre geschrieben, Social Media sei mehr oder weniger ausgelutscht. Aber Social Media spiegelt nur die erste Phase der Digitalisierung wider. Ob Industrie 4.0, Robotik, künstliche Intelligenz, Cloud Computing: In der zweiten Phase geht es um die Vernetzung von Maschinen und damit die industrielle Nutzung – und die hat längst begonnen. Dieser Markt ist um einiges größer als der Konsumentenmarkt und zudem völlig unabhängig vom werbegetriebenen Social-Media-Geschäft.

comdirect: In den USA steigen die Zinsen, zudem gibt es bisher keine Entspannung im Handelskrieg: Welche Auswirkungen hat das Umfeld auf den Technologie-Sektor?
Thomas Rappold: Politische Börsen haben bekanntlich kurze Beine. Selbst ein Handelskrieg wird die Digitalisierung nicht aufhalten können. Im Gegenteil: Wenn die Konjunktur schwächer wird, müssen Unternehmen noch stärker in Technologie investieren, um die Produktivität zu erhöhen. Und was die Zinsen betrifft: Die großen Internet- bzw. Technologiekonzerne wie Alphabet (WKN A14Y6F), Microsoft (WKN 870747) oder Apple (WKN 865985) haben jeweils mehr als 100 Milliarden US-Dollar auf der hohen Kante und dürften von steigenden Zinsen sogar profitieren…

comdirect: Bieten die Cash-Reserven Schutz für Aktionäre?
Thomas Rappold: Die Cash-Reserven schaffen Handlungsspielraum – wenn die Kassen voll sind, kann man auf Einkaufstour gehen. Microsoft hat erst im Sommer den Softwareentwickler GitHub für 7,5 Milliarden US-Dollar übernommen, Alphabet könnte unter Zugzwang geraten. Auch Apple hat alle Möglichkeiten, sein Portfolio auszubauen – ob im Bereich autonomes Fahren oder Filmproduktion. Apple investiert aktuell sehr viel Geld in Innovationen und kauft in großem Stil Aktien zurück, wovon die Aktionäre profitieren.

comdirect: Amazon wird mit einem KGV von 83 gehandelt. Ist das für Sie ein Kauf? Und worauf sollten Investoren bei der Auswahl von Tech-Aktien achten?
Thomas Rappold: An Amazon (WKN 906866) scheiden sich die Geister, das ist eine Glaubensfrage. Grundsätzlich sollten Anleger auf die Qualität eines Unternehmens achten. Generiert es Wachstum? Ist es schuldenfrei? Stimmt der Preis? Eine wichtige Kennzahl ist das Verhältnis vom Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) zum Wachstum. Ein KGV von 30 etwa ist günstig, wenn das Unternehmen um 40 % wächst.

comdirect: Haben Sie eher die großen Tanker oder die Schnellboote aus der zweiten Reihe im Blick?
Thomas Rappold: Sowohl als auch. Unternehmen wie Alphabet, Microsoft, IBM oder Apple haben eine dominante Marktstellung und sitzen auf hohen Cash-Reserven. Wenn der Kurs stimmt, ist das ein guter Kauf. Aber auch in der zweiten Reihe gibt es eine Reihe sehr attraktiver Unternehmen. Arista (WKN A11099) etwa liefert Netzwerk-Ausrüstungen an alle Cloud-Unternehmen. Arista-Produkte bieten den Nutzern hohe Flexibilität, denn durch ein offenes Betriebssystem lässt sich die IT-Infrastruktur individuell ergänzen und erweitern. Arista wächst mit Raten größer 40 %; die Marge liegt bei rund 60 %. Ein jährliches Wachstum von 40 % und mehr schafft auch der Cloud-System-Anbieter Nutanix (WKN A2ACQE). Das US-Unternehmen vernetzt alle nötigen Funktionen – von der Datenspeicherung, -verarbeitung über Sicherheit bis hin zur Einbindung intelligenter Maschinen – und verspricht seinen Kunden Einsparungen bei den Investitions- und Betriebskosten in einer Größenordnung von 40 bis 60 %.

comdirect: Setzen Sie eher auf die Minen oder auf die Schaufelproduzenten? Oder anders gefragt: Wer profitiert stärker von der Entwicklung?
Thomas Rappold: Wenn ich zwischen Netflix (WKN 552484) und Walt Disney (WKN 855686) wählen müsste, würde ich Disney nehmen. Das Unternehmen hat eine große Kundenbasis, ein breites Filmarchiv, verfügt über Themenparks und ist nun auch im Streaming-Segment aktiv. Disney ist eines von vielen Unternehmen, die niemand als Technologie-Anbieter auf dem Zettel hat. Genauso wie McDonald’s (WKN 856958). Doch die Burgerkette ist längst ein Hightech-Tempel. Filialen wurden mit Touch Panels ausgestattet, dazu gibt’s elektronische Gadgets und Apps für den Bereich Food Delivery. Dank der Vernetzung ist es gelungen, den Umsatz konsequent zu steigern.

comdirect: Welchen Tipp können Sie Anlegern geben?
Thomas Rappold: Digitalisierung ist kein kurzfristiger Trend, sondern eine Entwicklung, die alle Bereiche der Wirtschaft über kurz oder lang massiv verändern wird. Wer die Risiken breit streut und mindestens drei bis fünf Jahre Zeit mitbringt, hat gute Aussichten, davon zu profitieren!

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