Aktuell weiß niemand, wie es nach dem Brexit-Votum weitergehen wird. Eine weltweite Krise wie nach der Lehman-Pleite erwartet allerdings kaum ein Experte.

Großbritannien Kommt ein harter Brexit?

Geschätzte Lesedauer: 5 Minuten

Bis Ende März will die bri­ti­sche Regie­rung die EU-Aus­tritts­ver­hand­lun­gen ein­lei­ten. Das Obers­te Gericht könn­te noch für Ver­zö­ge­run­gen sor­gen.

Damit hat­te wohl nie­mand gerech­net. Hat­te der Berufs­ver­band für Per­so­nal­ver­mitt­lun­gen (REC) noch Anfang August von einem „dra­ma­ti­schen frei­en Fall“ am Arbeits­markt und einer „dra­ma­ti­schen Ver­schlech­te­rung“ der Kon­junk­tur auf der Insel berich­tet, zei­gen jüngs­te Daten nun das Gegen­teil: blü­hen­de Land­schaf­ten in Groß­bri­tan­ni­en. Die Arbeits­lo­sen­quo­te sank zuletzt auf ein 11-Jah­res-Tief von 4,8%, der Ein­zel­han­del zeigt sich robust und der Tou­ris­mus boomt – die Abwer­tung des Bri­ti­schen Pfunds hat die Rei­se nach Eng­land für vie­le wie­der erschwing­lich gemacht.

Grund zur Ent­war­nung? Nein, mei­nen Öko­no­men. Kurz­fris­tig sei­en kaum nega­ti­ve Fol­gen zu spü­ren, aber „lang­fris­tig dürf­te der Bre­x­it hohe Kos­ten ver­ur­sa­chen“, sagt Sta­pha­nie Flan­ders, Chef­stra­te­gin für Euro­pa bei JP Mor­gan Asset Manage­ment. Mit der Ankün­di­gung eines „Gro­ßen Abschaf­fungs­ge­set­zes“ („Gre­at Repeal Bill“) auf dem Par­tei­tag der Kon­ser­va­ti­ven Anfang Okto­ber hat die bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May die Sor­ge vor den Bre­x­it-Fol­gen sogar noch ein­mal ver­schärft. Bis Ende März will die bri­ti­sche Regie­rung die EU-Aus­tritts­ver­hand­lun­gen ein­lei­ten. Zudem mach­te May klar, dass sie hart ver­han­deln wol­le. „Wir ver­las­sen die EU nicht, um noch ein­mal die Kon­trol­le über die Ein­wan­de­rung abzu­ge­ben.”

Darf das Parlament mitentscheiden?

Mög­lich, dass ihr das Par­la­ment noch einen Strich durch die Rech­nung macht. Anfang Novem­ber hat­te der Lon­do­ner High Court nach Kla­ge einer Fonds­ma­na­ge­rin ent­schie­den, dass Pre­mier­mi­nis­te­rin May die Zustim­mung des Par­la­ments für die EU-Aus­tritts­ver­hand­lun­gen ein­ho­len muss. Und das Par­la­ment ist EU-freund­li­cher als die Regie­rung. Die bri­ti­sche Regie­rung hat gegen das Urteil Beru­fung ein­ge­legt. Seit dem 5. Dezem­ber befasst sich nun der Supre­me Court mit der Ange­le­gen­heit. Die Obers­ten Rich­ter haben die Posi­ti­on der Regie­rung in ers­ten Kom­men­ta­ren zwar bestä­tigt, ein Urteil wird aber erst Mit­te Janu­ar erwar­tet.

Kommt es tat­säch­lich zum har­ten Bre­x­it, dürf­te das weit­rei­chen­de Fol­gen haben. Das bri­ti­sche Pfund fiel in der Spit­ze auf den tiefs­ten Stand seit 1985 und konn­te sich erst nach dem Urteil des High Courts wie­der etwas erho­len. Im Fal­le eines har­ten Bre­xits, so eine Ana­ly­se von Gold­man Sachs, könn­te das Pfund wei­ter Federn las­sen. Die Abwer­tung bekom­men die bri­ti­schen Ver­brau­cher inzwi­schen bereits an der Super­markt­kas­se zu spü­ren. Inter­na­tio­na­le Kon­sum­gü­ter-Rie­sen haben ihre Prei­se auf der Insel ange­ho­ben, auch Tech­no­lo­gie-Füh­rer wie Apple oder Micro­soft haben saf­ti­ge Preis­auf­schlä­ge ange­kün­digt, um die Wäh­rungs­ver­lus­te aus­zu­glei­chen.

Um die hei­mi­sche Wirt­schaft vor mög­li­chen Fol­gen des Bre­xits zu schüt­zen, hat The­re­sa May inzwi­schen weit­rei­chen­de Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen ange­kün­digt. Erklär­tes Ziel sei es, die Unter­neh­mens­steu­er auf den nied­rigs­ten Stand der füh­ren­den Indus­trie­län­der (G20) zu sen­ken. Für die Kör­per­schaft­steu­er wur­de ein Satz von 15 % genannt (aktu­ell 20 %). Zum Ver­gleich: In Deutsch­land liegt der Satz bei 30 %. Neben Steu­er­dum­ping will May den Unter­neh­men ihr Insel­da­sein mit einem wei­te­ren Bon­bon ver­sü­ßen. So plant die Regie­rung ein För­der­pro­gramm im Volu­men von jähr­lich 2 Mil­li­ar­den Pfund (2,3 Mil­li­ar­den Euro) für For­schung und Ent­wick­lung. Damit soll die bri­ti­sche Wirt­schaft in den Zukunfts­bran­chen nach vor­ne gebracht wer­den.

Unsicherheit bleibt

Mit einem har­ten Kurs dürf­te May in Brüs­sel auf wenig Gegen­lie­be sto­ßen. Denn längst haben füh­ren­de EU-Poli­ti­ker signa­li­siert, dass es einen frei­en Zugang zum euro­päi­schen Markt nicht geben wird, wenn Groß­bri­tan­ni­en Bür­gern ande­rer EU-Staa­ten das Auf­ent­halts- und Arbeits­recht auf der Insel ver­wehrt.

Die lang­fris­ti­gen Fol­gen einer har­ten Lösung wären für die bri­ti­sche Wirt­schaft ver­hee­rend. Nach einer Stu­die der Bera­tungs­fir­ma Oli­ver Wyman dro­hen allein der gewich­ti­gen Finanz­bran­che Umsatz­ein­bu­ßen von gut 43 Mil­li­ar­den Euro, soll­te sie den frei­en Zugang zum EU-Bin­nen­markt ver­lie­ren. 75.000 Arbeits­plät­ze sei­en in Gefahr.

Auch in ande­ren Bran­chen wächst die Unsi­cher­heit. Unter­neh­men stor­nie­ren Auf­trä­ge und stel­len Inves­ti­tio­nen zurück. Die Rating­agen­tur S&P hat der Insel die Best­no­te ent­zo­gen und die Kre­dit­wür­dig­keit gleich um zwei Stu­fen gesenkt. Auch Fitch hat die Boni­täts­ein­schät­zung von AA+ auf AA gesenkt – mit Fol­gen für die Refi­nan­zie­rung. Der bri­ti­sche Finanz­mi­nis­ter Geor­ge Osbor­ne hat unter­des­sen ange­kün­digt, die Regie­rung wer­de ein­schnei­den­de Schrit­te zur Siche­rung der Finanz­sta­bi­li­tät ergrei­fen müs­sen, um die Fol­gen des Votums für den EU-Aus­tritt zu bewäl­ti­gen – Aus­ga­ben­kür­zun­gen und Steu­er­erhö­hun­gen für die Bür­ger inklu­si­ve.

Folgen für die deutsche Wirtschaft

Doch auch in den ande­ren EU-Staa­ten dürf­te ein har­ter Bre­x­it mas­si­ve Fol­gen haben. Deutsch­land als wich­ti­ger Han­dels­part­ner Groß­bri­tan­ni­ens könn­te ein Bre­x­it beson­ders hart tref­fen. Laut einer Stu­die des Insti­tuts für Makro­öko­no­mie und Kon­junk­tur­for­schung (IMK) wer­de der Bre­x­it die deut­sche Wirt­schaft allein im kom­men­den Jahr 0,5 % Wachs­tum kos­ten. Vor allem die Auto­mo­bil­in­dus­trie könn­te die Fol­gen zu spü­ren bekom­men. Die Bran­che expor­tier­te 2015 Waren im Wert von knapp 30 Mil­li­ar­den Euro über den Kanal. Mög­li­che Han­dels­bar­rie­ren sowie die star­ke Abwer­tung des Pfun­des gegen­über dem Euro, die Ware „made in Ger­ma­ny“ auf der Insel teu­rer macht, könn­ten für Gegen­wind sor­gen.

Bis­her zeigt sich die Wirt­schaft im Euro­raum wider­stands­fä­hig. Der euro­päi­sche Ein­kaufs­ma­na­ger­index klet­ter­te im Okto­ber stär­ker als erwar­tet um 1,1 auf 53,7 Punk­te. Und auch in Deutsch­land scheint der Bre­x­it-Schock erst ein­mal über­wun­den. Der vom Münch­ner ifo Insti­tut ermit­tel­te Geschäfts­kli­ma­in­dex sta­bi­li­sier­te sich im Novem­ber bei 110,4 Punk­ten, dem höchs­ten Wert seit April 2014. „Der Auf­schwung in Deutsch­land bleibt intakt“, kom­men­tiert Ifo-Prä­si­dent Cle­mens Fuest die Ent­wick­lung.

Verlierer und Profiteure

An den Akti­en­märk­ten hat sich die ers­te Panik längst gelegt. In Groß­bri­tan­ni­en haben die Bör­sen durch das schwa­che Pfund sogar Rücken­wind bekom­men. Den­noch: „Schmerz­haft wird es für jeden, der aus Lon­don her­aus in Euro­pa Waren oder Dienst­leis­tun­gen anbie­tet“, sagt Georg Graf von Wall­witz, Fonds­ma­na­ger der Phaidros Funds und Geschäfts­füh­rer der Eyb & Wall­witz Ver­mö­gens­ma­nage­ment GmbH, über die Per­spek­ti­ven bri­ti­scher Unter­neh­men. Das gel­te ins­be­son­de­re für angel­säch­si­sche Ban­ken und Ver­si­che­run­gen, aber auch für Luft­fahrt­ge­sell­schaf­ten oder Anwalts­so­zie­tä­ten. „Ande­rer­seits macht es das bil­li­ge Pfund für Fir­men, die im Ver­ei­nig­ten König­reich für einen welt­wei­ten Markt pro­du­zie­ren, ein­fa­cher“, so der Fonds­ma­na­ger. „Phar­ma­fir­men oder Indus­trie­un­ter­neh­men wie Rolls-Roy­ce, die in Dol­lar abrech­nen, sind plötz­lich in einer kom­for­ta­ble­ren Situa­ti­on.“

Unter dem Strich, so Til­mann Gal­ler, Kapi­tal­markt­ex­per­te bei JP Mor­gan Asset Manage­ment, sei­en die Tur­bu­len­zen nicht aus­ge­stan­den – „erheb­li­che Schwan­kun­gen blei­ben in den kom­men­den Wochen wahr­schein­lich“. Ein­deu­ti­ge Gewin­ner auf dem euro­päi­schen Finanz­par­kett sei­en aus heu­ti­ger Sicht kaum aus­zu­ma­chen, glaubt Ufuk Boy­dak, Vor­stand der Loys AG. „Viel­mehr wer­den ein­zel­ne Unter­neh­men von dem schwa­chen Pfund pro­fi­tie­ren, die schon heu­te inter­na­tio­nal auf­ge­stellt sind, und ihre Kos­ten im Euro­raum erwirt­schaf­ten. Dazu fin­den sich auch in ande­ren euro­päi­schen Län­dern Unter­neh­men, die im Zuge des Refe­ren­dums gefal­len sind, obwohl sie nicht direkt betrof­fen sind und genau dort lau­ern die Chan­cen.“

Kein Grund zur Panik

Die Lage nach dem Bre­x­it-Votum bleibt unsi­cher. Darf das bri­ti­sche Par­la­ment mit über den Kurs der Regie­rung ent­schei­den, könn­te es zu einem „sanf­ten“ Bre­x­it kom­men. Falls nicht, dürf­te es im Ver­lauf des kom­men­den Jah­res wei­te­re Tur­bu­len­zen geben. Poli­ti­sche Effek­te, glaubt Til­mann Gal­ler, könn­ten aller­dings gra­vie­ren­de­re Aus­wir­kun­gen als die wirt­schaft­li­chen Effek­te haben. „Akti­en­markt­kor­rek­tu­ren sind lang­fris­tig Kauf­ge­le­gen­hei­ten – aber nur, wenn es kei­ne Domi­no­ef­fek­te gibt.“ Neben dem Ver­fas­sungs­re­fe­ren­dum in Ita­li­en am 4. Dezem­ber, das Regie­rungs­chef Ren­zi ver­lor, ste­hen im kom­men­den Jahr mit den Nie­der­lan­den, Frank­reich und Deutsch­land gleich in drei Mit­glieds­staa­ten der EU wich­ti­ge Wah­len an.