Aktuell weiß niemand, wie es nach dem Brexit-Votum weitergehen wird. Eine weltweite Krise wie nach der Lehman-Pleite erwartet allerdings kaum ein Experte.

Großbritannien Kommt ein harter Brexit?

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Bis Ende März will die britische Regierung die EU‐Austrittsverhandlungen einleiten. Das Oberste Gericht könnte noch für Verzögerungen sorgen.

Damit hatte wohl niemand gerechnet. Hatte der Berufsverband für Personalvermittlungen (REC) noch Anfang August von einem „dramatischen freien Fall“ am Arbeitsmarkt und einer „dramatischen Verschlechterung“ der Konjunktur auf der Insel berichtet, zeigen jüngste Daten nun das Gegenteil: blühende Landschaften in Großbritannien. Die Arbeitslosenquote sank zuletzt auf ein 11‐Jahres‐Tief von 4,8%, der Einzelhandel zeigt sich robust und der Tourismus boomt – die Abwertung des Britischen Pfunds hat die Reise nach England für viele wieder erschwinglich gemacht.

Grund zur Entwarnung? Nein, meinen Ökonomen. Kurzfristig seien kaum negative Folgen zu spüren, aber „langfristig dürfte der Brexit hohe Kosten verursachen“, sagt Staphanie Flanders, Chefstrategin für Europa bei JP Morgan Asset Management. Mit der Ankündigung eines „Großen Abschaffungsgesetzes“ („Great Repeal Bill“) auf dem Parteitag der Konservativen Anfang Oktober hat die britische Premierministerin Theresa May die Sorge vor den Brexit‐Folgen sogar noch einmal verschärft. Bis Ende März will die britische Regierung die EU‐Austrittsverhandlungen einleiten. Zudem machte May klar, dass sie hart verhandeln wolle. „Wir verlassen die EU nicht, um noch einmal die Kontrolle über die Einwanderung abzugeben.”

Darf das Parlament mitentscheiden?

Möglich, dass ihr das Parlament noch einen Strich durch die Rechnung macht. Anfang November hatte der Londoner High Court nach Klage einer Fondsmanagerin entschieden, dass Premierministerin May die Zustimmung des Parlaments für die EU‐Austrittsverhandlungen einholen muss. Und das Parlament ist EU‐freundlicher als die Regierung. Die britische Regierung hat gegen das Urteil Berufung eingelegt. Seit dem 5. Dezember befasst sich nun der Supreme Court mit der Angelegenheit. Die Obersten Richter haben die Position der Regierung in ersten Kommentaren zwar bestätigt, ein Urteil wird aber erst Mitte Januar erwartet.

Kommt es tatsächlich zum harten Brexit, dürfte das weitreichende Folgen haben. Das britische Pfund fiel in der Spitze auf den tiefsten Stand seit 1985 und konnte sich erst nach dem Urteil des High Courts wieder etwas erholen. Im Falle eines harten Brexits, so eine Analyse von Goldman Sachs, könnte das Pfund weiter Federn lassen. Die Abwertung bekommen die britischen Verbraucher inzwischen bereits an der Supermarktkasse zu spüren. Internationale Konsumgüter‐Riesen haben ihre Preise auf der Insel angehoben, auch Technologie‐Führer wie Apple oder Microsoft haben saftige Preisaufschläge angekündigt, um die Währungsverluste auszugleichen.

Um die heimische Wirtschaft vor möglichen Folgen des Brexits zu schützen, hat Theresa May inzwischen weitreichende Steuervergünstigungen angekündigt. Erklärtes Ziel sei es, die Unternehmenssteuer auf den niedrigsten Stand der führenden Industrieländer (G20) zu senken. Für die Körperschaftsteuer wurde ein Satz von 15 % genannt (aktuell 20 %). Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Satz bei 30 %. Neben Steuerdumping will May den Unternehmen ihr Inseldasein mit einem weiteren Bonbon versüßen. So plant die Regierung ein Förderprogramm im Volumen von jährlich 2 Milliarden Pfund (2,3 Milliarden Euro) für Forschung und Entwicklung. Damit soll die britische Wirtschaft in den Zukunftsbranchen nach vorne gebracht werden.

Unsicherheit bleibt

Mit einem harten Kurs dürfte May in Brüssel auf wenig Gegenliebe stoßen. Denn längst haben führende EU‐Politiker signalisiert, dass es einen freien Zugang zum europäischen Markt nicht geben wird, wenn Großbritannien Bürgern anderer EU‐Staaten das Aufenthalts‐ und Arbeitsrecht auf der Insel verwehrt.

Die langfristigen Folgen einer harten Lösung wären für die britische Wirtschaft verheerend. Nach einer Studie der Beratungsfirma Oliver Wyman drohen allein der gewichtigen Finanzbranche Umsatzeinbußen von gut 43 Milliarden Euro, sollte sie den freien Zugang zum EU‐Binnenmarkt verlieren. 75.000 Arbeitsplätze seien in Gefahr.

Auch in anderen Branchen wächst die Unsicherheit. Unternehmen stornieren Aufträge und stellen Investitionen zurück. Die Ratingagentur S&P hat der Insel die Bestnote entzogen und die Kreditwürdigkeit gleich um zwei Stufen gesenkt. Auch Fitch hat die Bonitätseinschätzung von AA+ auf AA gesenkt – mit Folgen für die Refinanzierung. Der britische Finanzminister George Osborne hat unterdessen angekündigt, die Regierung werde einschneidende Schritte zur Sicherung der Finanzstabilität ergreifen müssen, um die Folgen des Votums für den EU‐Austritt zu bewältigen – Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen für die Bürger inklusive.

Folgen für die deutsche Wirtschaft

Doch auch in den anderen EU‐Staaten dürfte ein harter Brexit massive Folgen haben. Deutschland als wichtiger Handelspartner Großbritanniens könnte ein Brexit besonders hart treffen. Laut einer Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) werde der Brexit die deutsche Wirtschaft allein im kommenden Jahr 0,5 % Wachstum kosten. Vor allem die Automobilindustrie könnte die Folgen zu spüren bekommen. Die Branche exportierte 2015 Waren im Wert von knapp 30 Milliarden Euro über den Kanal. Mögliche Handelsbarrieren sowie die starke Abwertung des Pfundes gegenüber dem Euro, die Ware „made in Germany“ auf der Insel teurer macht, könnten für Gegenwind sorgen.

Bisher zeigt sich die Wirtschaft im Euroraum widerstandsfähig. Der europäische Einkaufsmanagerindex kletterte im Oktober stärker als erwartet um 1,1 auf 53,7 Punkte. Und auch in Deutschland scheint der Brexit‐Schock erst einmal überwunden. Der vom Münchner ifo Institut ermittelte Geschäftsklimaindex stabilisierte sich im November bei 110,4 Punkten, dem höchsten Wert seit April 2014. „Der Aufschwung in Deutschland bleibt intakt“, kommentiert Ifo‐Präsident Clemens Fuest die Entwicklung.

Verlierer und Profiteure

An den Aktienmärkten hat sich die erste Panik längst gelegt. In Großbritannien haben die Börsen durch das schwache Pfund sogar Rückenwind bekommen. Dennoch: „Schmerzhaft wird es für jeden, der aus London heraus in Europa Waren oder Dienstleistungen anbietet“, sagt Georg Graf von Wallwitz, Fondsmanager der Phaidros Funds und Geschäftsführer der Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement GmbH, über die Perspektiven britischer Unternehmen. Das gelte insbesondere für angelsächsische Banken und Versicherungen, aber auch für Luftfahrtgesellschaften oder Anwaltssozietäten. „Andererseits macht es das billige Pfund für Firmen, die im Vereinigten Königreich für einen weltweiten Markt produzieren, einfacher“, so der Fondsmanager. „Pharmafirmen oder Industrieunternehmen wie Rolls‐Royce, die in Dollar abrechnen, sind plötzlich in einer komfortableren Situation.“

Unter dem Strich, so Tilmann Galler, Kapitalmarktexperte bei JP Morgan Asset Management, seien die Turbulenzen nicht ausgestanden – „erhebliche Schwankungen bleiben in den kommenden Wochen wahrscheinlich“. Eindeutige Gewinner auf dem europäischen Finanzparkett seien aus heutiger Sicht kaum auszumachen, glaubt Ufuk Boydak, Vorstand der Loys AG. „Vielmehr werden einzelne Unternehmen von dem schwachen Pfund profitieren, die schon heute international aufgestellt sind, und ihre Kosten im Euroraum erwirtschaften. Dazu finden sich auch in anderen europäischen Ländern Unternehmen, die im Zuge des Referendums gefallen sind, obwohl sie nicht direkt betroffen sind und genau dort lauern die Chancen.“

Kein Grund zur Panik

Die Lage nach dem Brexit‐Votum bleibt unsicher. Darf das britische Parlament mit über den Kurs der Regierung entscheiden, könnte es zu einem „sanften“ Brexit kommen. Falls nicht, dürfte es im Verlauf des kommenden Jahres weitere Turbulenzen geben. Politische Effekte, glaubt Tilmann Galler, könnten allerdings gravierendere Auswirkungen als die wirtschaftlichen Effekte haben. „Aktienmarktkorrekturen sind langfristig Kaufgelegenheiten – aber nur, wenn es keine Dominoeffekte gibt.“ Neben dem Verfassungsreferendum in Italien am 4. Dezember, das Regierungschef Renzi verlor, stehen im kommenden Jahr mit den Niederlanden, Frankreich und Deutschland gleich in drei Mitgliedsstaaten der EU wichtige Wahlen an.