Chartanalysten gehen davon aus, dass im Kurs alle relevanten Informationen enthalten sind. Doch wie bewerten sie den Chart? Neben Forma­tionen haben die Profis eine Reihe von Indikatoren im Blick, um die Analyse abzu­sichern.

Serie: Technische Analyse Fakten statt Vermutungen

Chartanalysten gehen davon aus, dass im Kurs alle relevanten Informationen enthalten sind. Doch wie bewerten sie den Chart? Neben Forma­tionen haben die Profis eine Reihe von Indikatoren im Blick, um die Analyse abzu­sichern.

Es ist der 14. April 2015. Der DAX hat vier Tage zuvor eine wichtige ­Widerstandslinie geknackt. Eigentlich ein gutes Zeichen für einen Ausbruch nach oben. Doch Christoph Geyer, technischer Analyst bei der Commerzbank, traut dem Braten nicht. „Die bei solchen Ausbrüchen übliche Aufwärtsdynamik ist ausgeblieben“, urteilt der Profi mit Blick auf einige ­Indikatoren, die dem Höhenflug des Index nicht folgen konnten oder gar Verkaufssignale anzeigten. Tatsächlich fiel der DAX dann auch erst einmal deutlich zurück.

Der Chart gibt die Richtung vor, doch ein Chartsignal allein macht noch keine Handelsempfehlung. „Besser ist es, Chartsignale mit Indikatoren zu überprüfen“, rät auch Lutz Mathes, Chef des Chartbüros Hans-Dieter Schulz. Indikatoren sind mathematische Modelle, die aus dem Chart abgeleitet werden und Signale geben oder verstärken können. Sie helfen Anlegern, nüchterne Tatsachen zu betrachten. „Sie sind unbestechlich, während man mit dem bloßen Auge dazu neigt, Dinge in den Chart hineinzuinterpretieren“, weiß Charttechniker Mathes.

Es gibt unzählige Indikatoren, aber nicht jeder ist in jeder Marktphase zu nutzen. Grundsätzlich lassen sie sich in drei Gruppen einteilen: Trendfolge-­Indikatoren, Oszillatoren und Trendstärke-Indikatoren. Trendfolge-Indikatoren funktionieren in lang anhaltenden Trendphasen besonders gut, aber in trendlosen Märkten liefern sie häufig Fehlsignale. Oszillatoren hingegen geben in trendlosen Märkten Handels­signale. Trendstärke-Indikatoren wiederum werden als Filter genutzt.

Marktphase beachten

Trendfolger folgen – wie der Name schon sagt – bestehenden Trends und reagieren ergo sehr schwerfällig auf Veränderungen. Der Vorteil dieses Indikators liegt also nicht darin, den günstigsten Zeitpunkt für ­einen Ein- oder Ausstieg zu finden, sondern Informationen darüber zu liefern, ob ein Trendwechsel auch wirklich vollzogen ist. Damit bewahrt er Anleger davor, intakte Trendmärkte aufgrund kurzfristiger Korrekturen frühzeitig zu verlassen oder nach kurzfristiger Erholung einzusteigen, obwohl ein Abwärtstrend ungebrochen ist. Die wichtigsten Werkzeuge im Trendmarkt sind gleitende Durchschnitte (GD) sowie der Moving-Average-Convergence-Divergence-(MACD-)Indikator.

Gleitende Durchschnitte glätten die Kursschwankungen über einen gewählten Zeitraum, sodass Trends klarer sichtbar werden. Dazu wird das arithmetische Mittel der Schlusskurse über einen bestimmten Zeitraum ermittelt und zu einer Linie verbunden. Für die Langfristbetrachtung wird in der Regel die 200-Tage-Linie gewählt. Kreuzt ein kürzerer gleitender Durchschnitt – beispielsweise ein auf 38 oder 10 Tage berechneter Wert – einen längeren, könnte das einen Stimmungsumschwung andeuten. Allerdings gilt: Ein kurzfristiger Stimmungsumschwung markiert noch längst keinen Trend. Der Indikator kann schnell zu Fehlsignalen führen. Die Analyse sollte deshalb mit dem MACD verfeinert werden, der gleitende Durchschnitte voneinander subtrahiert und das Kräfteverhältnis zwischen Bullen und Bären offenlegt.

Trendfolge-Indikator: MACD

Die Konstruktion: Zwei gleitende Durchschnitte werden voneinander subtrahiert. Es entsteht eine Indikatorlinie, die wiederum durch die Bildung eines gleitenden Durchschnittes geglättet wird (Signal- oder ­Triggerlinie).

Kaufsignal: Die Indikatorlinie schneidet die Triggerlinie von unten nach oben.

Verkaufssignal: Die Indikatorlinie schneidet die Triggerlinie von oben nach unten.

Achtung: Vorsicht bei Divergenzen – eine Trendwende könnte sich ankündigen. Der MACD liefert häufig Fehlsignale in trendlosen Märkten.

Markt in Extremen?

Oszillatoren dagegen zeigen, ob sich ein Markt in Extremen bewegt. Der Wert schwankt jeweils um eine Mittellinie. ­Notiert er aber im extremen oberen oder unteren Bereich, so ist der Markt „überkauft“ beziehungsweise „überverkauft“. Anleger nutzen die Signale, um einen irrationalen Überschwang herauszufiltern oder um antizyklisch zu investieren.
Die wichtigsten Oszillatoren sind das Momentum, der Relative-Stärke-Index (RSI) und die Stochastik. Bei allen Oszillatoren werden aktuelle Kurse ins Verhältnis zu Kursen in der Vergangenheit gesetzt (Stochastik: Schlusskurs zum Tagesmittel), sodass die Stimmung beziehungsweise die Schwungkraft des Marktes identifiziert werden kann.

Oszillator: Stochastik

Oszillator: Stochastik

Die Konstruktion: Die Schlusskurse einer Zeitperiode werden ins Verhältnis zur Handelsspanne der Zeitperiode gesetzt. Das zeigt, ob die aktuellen Schlusskurse im Vergleich zur eigenen Historie eher in der Nähe der Tageshöchst- oder -tiefstkurse liegen. Signale ergeben sich durch das Schneiden beider Linien und/oder durch das Niveau auf einer Skala von 0 bis 100.

Kaufsignale: Die schwarze Linie schneidet die rote von unten nach oben oder sie steigt von unten über die 30er-Marke.

Verkaufssignale: Die schwarze Linie schneidet die rote von oben nach ­unten oder sie fällt von oben unter die 70er-Marke.

Achtung: Divergenzen zeigen einen möglichen Trendwechsel an. In starken Trendmärkten liefert der Indikator häufig Fehlsignale.

Trendstärke-Indikatoren wie der Average Directional Movement Index (ADX) geben dagegen keine Kauf- oder Verkaufssignale. Sie signalisieren lediglich, ob ein Trendmarkt vorliegt oder aber nicht. Das heißt: Bei gegenläufigen Signalen von Trendfolgern und Oszillatoren übernehmen sie eine Filterfunktion und zeigen auf, welches Szenario das wahrscheinlichere ist.
Profis wie Christoph Geyer nutzen oft eine Vielzahl unterschiedlicher Indikatoren; Einsteigern ist das aber nicht unbedingt zu empfehlen. „Man braucht viel Übung, um die richtigen Schlüsse zu ziehen“, sagt der Commerzbank-Analyst. „Wer sich nicht auskennt, riskiert, sich zu verzetteln.“ Anleger sollten sich deshalb zunächst nur auf einen Trendfolger und einen Oszillator konzen­trieren und den Markt dann gegebenenfalls per Trend­stärke-Indikator filtern.

Trendstärke-Indikator: ADX

Trendstärke-Indikator: ADX

Die Konstruktion: Der Average Directional Movement Index (ADX) gibt ­Auskunft über die Trendstärke. Der Indikator kann einen Wert zwischen 0 und 100 annehmen.

1. Der ADX ist größer als 25: Es besteht ein Trendmarkt.

2. Der ADX fällt von Werten über 40: Die Trendstärke lässt nach; ­Übergang zum Seitwärtsmarkt möglich.

3. Der Index steigt von unter 20 auf mindestens 25: Trendmarkt beginnt.
Achtung: Der Indikator sagt nichts über die Richtung eines Trends. Kauf- oder Verkaufssignale werden nicht generiert.

Achtung bei Divergenzen

Welche Indikatoren in den Werkzeugkasten kommen, hängt von individuellen Vorlieben ab. Christoph Geyer hat besonders MACD und Stochastik im Blick – und er nutzt die Analyse vor allem, um Divergenzen aufzuspüren, also gegenläufige ­Signale. „Divergenzen liefern Informatio­nen über die Struktur des Marktes und ­damit wichtige Warnsignale“, sagt Geyer.

Chartanalyst Lutz Mathes nutzt unter anderem den RSI (siehe Kasten), hat aber immer auch die sogenannten Bollinger-Bänder im Fokus, die aus Subtraktion und Addition der Standardabweichungen vom 20-Tage-Durchschnitt gebildet werden. „Wenn sich die Bänder ­zusammenziehen, ist Vorsicht geboten“, warnt Experte Mathes. Denn dann belauerten Investoren sich. „Möglich, dass die Märkte ­anschließend in die eine oder andere ­Richtung explodieren.“

Oszillator: RSI

Trendstärke-Indikator: ADX

Die Konstruktion: Der Relative-Stärke-Index (RSI) ist ein Preisfolge­indikator, der den aktuellen Kurs ins Verhältnis zu früheren Kursen (in der Regel 14 Tage) setzt und aufzeigt, ob sich der Markt in Extremen bewegt. Der Wert des Indikators liegt zwischen 0 und 100.

Kaufsignal: Liegt der Indikator unter 30, gilt der Markt als „überverkauft“; steigt er von unter 30 nach oben, wird ein Kaufsignal generiert.

Verkaufssignal: Steigt der Indikator über 70, gilt der Markt als „überkauft“; fällt der RSI unter die 70er-Marke, signalisiert er „Verkauf“.

Achtung: Divergenzen können Trendwenden ankündigen. Der RSI liefert in starken Trendmärkten häufig Fehlsignale.