Abwarten oder beim ersten Rücksetzer verkaufen?

Serie: Technische Analyse Trendumkehr und Trendbestätigung

Wenn die Börsen Höchststände erreichen, bekommen Investoren zittrige Hände. Beim ersten Rücksetzer verkaufen? Charttechniker warten lieber ab, bis der Chart Signale für eine Trendwende liefert.

Wie geht es weiter mit dem DAX? Die Frage beschäftigt Anleger. Und deshalb wird sie Christoph Geyer, dem technischen Analysten der Commerzbank, sehr häufig gestellt. Ein Hellseher ist er nicht. Aber nach der Analyse des Charts kann er Aussagen über Wahrscheinlichkeiten treffen. Hilfestellung bei der Bewertung von Kursbewegungen liefern Trendumkehr- und Trendbestätigungsformationen.

„Hokuspokus ist das nicht“, sagt Geyer. Untersuchungen von Daten aus Zeiten, in denen es weder Computer noch Charttechnik gab, hätten dies bestätigt. Die fortlaufenden Kursnotierungen aus früheren Zeiten wurden in moderne Chartprogramme eingegeben. Das verblüffende Ergebnis: Die daraus nachgebildeten Muster entsprechen heute gültigen Chartformationen. „Die meisten Menschen handeln nicht nach dem Chart, sondern Chartbilder formen sich, weil bei bestimmten Kursbewegungen immer die gleichen Emotionen entstehen“, erklärt Experte Geyer. Mit anderen Worten: Anleger handeln seit Jahrzehnten in ähnlichen Situationen ähnlich oder gleich. Für Charttechniker gilt: Zwischenzeitliche Rückschläge müssen nicht zwangsläufig das Ende eines Trends ankündigen. Wie also können Charttechniker einen Trendbruch erkennen?

Trendumkehr und Trendbestätigung

„Die einzige Möglichkeit, frühzeitig Trendwenden zu erkennen, bieten Umkehrformationen“, sagt Geyer. Wichtige Umkehrformationen sind das Doppel-Top, Doppel-Bottom und die Schulter-Kopf-Schulter-Formation. Im Abwärtstrend warten Investoren auf eine bullische Chartformation, bevor sie auf steigende Kurse setzen. Signale können Doppel- oder Dreifachtiefs liefern. Bei diesen Mustern stoppt der Kurs ein- oder zweimal genau auf Höhe des vorhergehenden Tiefs. Wird das Tief nicht mehr nennenswert unterschritten, heißt das: Die Abwärtsdynamik im Markt ist gestoppt. Ein Doppel- oder Dreifachtief kann somit eine bevorstehende Trendumkehr anzeigen.

Analog wird das Doppel- oder Dreifachhoch interpretiert. Stoppt der Kurs im Aufwärtstrend mehrmals auf der Höhe des vorangegangenen Hochs, lässt die Dynamik nach oben nach. Fallen die Tiefs dann auch noch unter die jeweils vorausgegangenen Tiefs, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein Abwärtstrend eingeleitet wird.

Schulter-Kopf-Schulter

Signale für eine Trendumkehr in beide Richtungen liefert die Schulter-Kopf-Schulter-­Formation, kurz SKS. Im Bullenmarkt spricht man von einem SKS Top, im Bärenmarkt mit inverser Formation von einem SKS Boden. Die Formation ist komplexer als Doppel-Top oder Doppel-Bottom, es dauert in der Regel länger, bis sie ausgebildet wird. Ein SKS Top lässt sich wie folgt beschreiben: Drei Hochs folgen aufeinander, wobei das erste und das dritte unter dem zweiten Hoch (Kopf) liegen. Die Tiefs zwischen den Hochs bilden die Nacken­linie, die Anleger besonders beachten sollten, denn erst dann, wenn die Nackenlinie mit der Korrektur nach dem dritten Hoch mit anziehendem Volumen unterschritten wird, ist die Trendumkehrformation abgeschlossen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sacken die Kurse dann nach unten durch.

Die Nackenlinie dient als Unterstützung. Prallt der Chart mit der Korrektur nach dem dritten Hoch an der Nackenlinie ab, wird die Trendumkehr nicht bestätigt. „Auch das ist ein wichtiges Signal, das Anleger nutzen können“, sagt Geyer. „Denn dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der bestehende Trend neuen Schwung bekommt und die Kurse noch einmal deutlich nach oben ziehen.“ Analog ­dazu wird die Formation in Bärenmärkten ­interpretiert.

Auf klare Signale warten

Trendumkehr und Trendbestätigung: Auf klare Signale warten

Chartformationen geben Signale, aber nicht immer sind sie sofort eindeutig zu erkennen. Trendbestätigungsformationen wie Rechteck, Flagge oder Wimpel ähneln in der Entstehung den Trendumkehrformationen. Bei einem Rechteck etwa liegen die Zwischenhochs und Zwischentiefs auf demselben horizontalen Niveau. Die Linie, die die Hochs beziehungsweise Tiefs verbindet, markiert die Widerstände. Damit ist die Formation leicht mit einem Doppelhoch oder -tief – den klassischen Umkehrformationen – zu verwechseln.

Allerdings folgen die Zwischenhochs bei einem Rechteck wesentlich schneller aufeinander als die Spitzen beim Doppelhoch. Das Rechteck beansprucht häufig die Geduld der Anleger – immer wieder pendelt der Kurs zwischen Widerstand und Unterstützung hin und her, bevor er aus dem Korridor ausbricht. Trendbestätigungsformationen sind auch Flagge und Wimpel. Bei einer Flagge liegen die Tiefs und Hochs zunächst unter den vorherigen Tiefs und Hochs – auch das kann zu Fehlinterpretationen führen. Bei einem Wimpel fällt die Analyse leichter. Die Unterstützung verläuft in Trendrichtung, der Widerstand jedoch dagegen, bevor es zum Ausbruch kommt.

Abwarten oder beim ersten Rücksetzer verkaufen?

Wer Charts erfolgreich analysieren will, braucht viel Übung, ist Christoph ­Geyer überzeugt. Noch wichtiger aber ist für ihn Disziplin. „Der häufigste Fehler überhaupt ist, dass man Formationen sieht, wo keine sind, weil man seine Marktmeinung bestätigt haben will“, so seine Erfahrung. Anleger steigen etwa ein, weil sie ein Signal erwarten, nicht aber, weil es eines gegeben hat. Auch rät der Profi dazu, darauf zu achten, dass die Formation ins Gesamtbild passt. „Im Seitwärtstrend kann sich nichts drehen“, sagt er. „Eine gewisse Trendstärke muss schon vorhanden sein, damit die Analyse plausibel ist.“