Technische Analyse: Optimismus als Risikoindikator?

Serie: Technische Analyse
Optimismus als Risikoindikator?

Euphorie an der Börse kann teuer wer­den. Profis nutzen deshalb neben fun­da­men­tal­en und tech­nis­chen Dat­en auch Sen­ti­ments für ihre Anlageentschei­dun­gen.

Ger­ade ist der Jubel groß, weil die Kurse nach oben ziehen – da dro­ht meist schon wieder Ungemach. Denn die Mehrzahl der Mark­t­teil­nehmer ist bere­its investiert und nimmt früher oder später Gewinne mit. Über­wiegen stattdessen schlechte Nachricht­en, und die Stim­mung ist mies, kön­nte ein Ein­stieg saftige Ren­diten brin­gen. “Die Börse ist ein Stück weit sarkastisch”, sagt Patrick Hussy, Geschäfts­führer des Analy­se­haus­es Sen­tix GmbH.

Die Stim­mung macht’s – die Börse reagiere nur zu 10 % auf Fak­ten, alles andere sei Psy­cholo­gie, war schon Börsenalt­meis­ter André Kos­tolany überzeugt. Und was in nor­malen Börsen­zeit­en gilt, dürfte erst recht in poli­tis­chen Börsen gel­ten. In Zeit­en der Staatss­chuldenkrisen treiben Opti­mis­mus und Pes­simis­mus die Kurse nach oben und unten. Profis nutzen deshalb auch Stim­mungsindika­toren, um ihre Anlageentschei­dun­gen abzu­sich­ern.

Sen­ti­ments ermöglichen Aus­sagen über Stim­mungswech­sel und Trendwen­den, bevor fun­da­men­tale Gründe zu erken­nen sind”, sagt Hussy. Stim­mungen lassen sich auf sehr unter­schiedliche Weise messen. Ein ein­fach­er Indika­tor ist die Put-Call-Ratio, die das Ver­hält­nis gehan­del­ter Put-Optio­nen zu gehan­del­ten Call-Optio­nen beschreibt. Über­wiegen die Puts oder ist das Ver­hält­nis aus­geglichen, ist die Mark­t­stim­mung neg­a­tiv. Trad­er nutzen den Indika­tor häu­fig als Kon­tra-Indika­tor. Ist die Put-Call-Ratio hoch, die Stim­mung also schlecht, steigen sie ein, weil die Kurse nach einem Stim­mungstief meist wieder nach oben ziehen.

Grundüberzeugung stützt Kurse

Ein DAX-Sen­ti­ment nach Umfra­gen ermit­telt Sen­tix oder auch die Deutsche Börse, die wöchentlich rund 1.000 aktive Inve­storen nach ihrer Ein­schätzung auf Monatssicht befragt. Die Sen­tix-Experten fan­gen die Stim­mung sog­ar gle­ich für eine ganze Index­fam­i­lie ein. Gescreent wer­den 14 unter­schiedliche Märk­te – vom DAX über Tec­DAX, Euro STOXX 50, Nas­daq Com­pos­ite und S & P 500 bis zum Nikkei sowie Renten und Devisen. Bei jed­er Umfrage geben die Befragten ihre Ein­schätzung für einen ­Monat und für sechs Monate ab. Hussy: “Die Sen­ti­ments eignen sich deshalb sowohl für Trad­er, um kurzfristige Ein- und Ausstiegssig­nale zu gener­ieren, als auch für Anleger, die von Sig­nalen für eine mit­tel­fristige Depo­tum­schich­tung prof­i­tieren.”

Die mit­tel­fristige Grundüberzeu­gung wird im soge­nan­nten strate­gis­chen Bias gespiegelt. Beispiel: Als sich die Griechen­land-Krise im Früh­jahr zus­pitzte und ein Grex­it nicht mehr aus­geschlossen schien, stieg der kurzfristige Pes­simis­mus. Die strate­gis­che Grundüberzeu­gung für ­Aktien­in­vest­ments aber fes­tigte sich. “Die Bere­itschaft, mit­tel­fristig in Aktien zu investieren, blieb also trotz Griechen­land-Krise groß”, erk­lärt Hussy. Anders ver­hielt es sich vor dem Crash im August 2011, vor dem das strate­gis­che Bias Monat für Monat abge­fall­en war. “In solch einem Szenario reicht ein falsches Sig­nal, und alle wollen gle­ichzeit­ig durch die Tür.”

Dank der Stim­mungsindika­toren lässt sich oft­mals sehr gut abschätzen, in welch­er Phase sich ein Börsen­trend befind­et. Ob Sen­tix oder die Deutsche Börse: Befragt wer­den auss­chließlich am Markt aktive ­Inve­storen, denn deren Ein­schätzun­gen dürften die eige­nen Posi­tio­nen spiegeln, weil sie sich mit großer Wahrschein­lichkeit nicht gegen ihre Ein­schätzung posi­tion­ieren. Wichtiger als die absoluten Zahlen sind die Verän­derun­gen der Werte, die durch die regelmäßige Mes­sung offen­gelegt wer­den. Die Faus­tregel: “Laufen Markt und Stim­mung nicht zusam­men, gewin­nt der Markt”, sagt Behav­ioral-Finance-Spezial­ist Joachim Gold­berg, der die Dat­en der Deutschen Börse analysiert. “Laufen Markt und Stim­mung dage­gen zusam­men, ist eine Trendwende wahrschein­lich­er.”

Sommer 2011: Binnen weniger Wochen verlor der DAX in der Spitze 30 Prozent seines Wertes. Analysten von Sentix hatte der Crash nicht überrascht, denn das Grundvertrauen war seit Jahresbeginn im Sinkflug gewesen.

Som­mer 2011: Bin­nen weniger Wochen ver­lor der DAX in der Spitze 30 % seines Wertes. Ana­lysten von Sen­tix hat­te der Crash nicht über­rascht, denn das Grund­ver­trauen war seit Jahres­be­ginn im Sink­flug gewe­sen. Während der Griechen­land-Krise indes war nach Sen­ti­ment-Lage kein Crash zu erwarten, weil das Aktien­ver­trauen, das nach Ankündi­gung des Anlei­henkauf­pro­grammes der EZB nach oben schoss, sta­bil blieb.

Im Stimmungstief Chancen nutzen

Einen anderen Ansatz ver­fol­gt YUKKA Lab mit Sen­ti­Trade. Per Sen­ti­ment-Analy­sesoft­ware wertet das Unternehmen alle Finanz­nachricht­en in Echtzeit aus, die von den großen deutschsprachi­gen Presseagen­turen dpa-AFX und awp veröf­fentlicht wer­den. Aus dem Ver­hält­nis pos­i­tiv­er Nachricht­en zu der Gesamtzahl der polaren, also der pos­i­tiv­en und neg­a­tiv­en, Nachricht­en entste­ht ein Quo­tient zwis­chen 0 und 1. Je höher der Wert, desto bess­er die Stim­mung – und umgekehrt.

Mehr als 2.000 Nachricht­en und Berichte wer­den am Tag analysiert und jew­eils nach Märk­ten und Branchen dif­feren­ziert. „Sehr häu­fig dreht die Mark­t­stim­mung, bevor die Börsen einige Wochen später fol­gen“, sagt Andreas Pusch, Vor­stand der YUKKA Lab AG. Für die Inter­pre­ta­tion ziehen die Ana­lysten Ver­gle­ich­swerte aus der Ver­gan­gen­heit her­an. Dazu sind im eige­nen Archiv Finanz- und Wirtschaft­snachricht­en seit 2005 gespe­ichert. „Senti­Trade gener­iert emo­tion­s­los langfristige Han­delssig­nale, die Anleger für ihre Investi­tion­sentschei­dun­gen nutzen kön­nen“, sagt Pusch.

Wie bei allen Sen­ti­ment-Indika­toren gilt: Wächst der Opti­mis­mus stark an, soll­ten die Alar­m­glock­en läuten. Im Stim­mungstief dage­gen kön­nte es sich rech­nen, Chan­cen durch einen gün­sti­gen Ein­stieg zu nutzen.

Antizykisch investieren

Der Sentiment-Indikator SentiTrade der YUKKA Lab AG wertet per Software Finanznachrichten aus. Der Zehn-Jahres-Chart zeigt: Investoren, die im Stimmungstief (grüner Balken) kaufen, haben die besten Renditeaussichten.

Der Sen­ti­ment-Indika­tor Sen­ti­Trade der YUKKA Lab AG wertet per Soft­ware Finanz­nachricht­en aus. Der Zehn-Jahres-Chart zeigt: Inve­storen, die im Stim­mungstief (grün­er Balken) kaufen, haben die besten Ren­diteaus­sicht­en. Ein Ein­stieg bei Euphorie dage­gen (rot­er Balken) kommt Anleger meist teuer zu ste­hen. Profis nutzen solche Stim­mungs­barom­e­ter, um antizyk­lisch zu investieren.