Müssen wir uns auf steigende oder fallende Preise einstellen?

Preistrend 2017
Wo stehen wir heute?

Das his­torische Gedächt­nis spiegelte sich nach Beginn der Finanzkrise auch im unter­schiedlichen Han­deln der Noten­banken wider. Um Defla­tion­srisiken abzuwehren und die Märk­te liq­uide zu hal­ten, hat­te die US-Noten­bank Fed­er­al Reserve (Fed) ihre Geld­schleusen nach der Pleite der US-Invest­ment­bank Lehman Broth­ers 2008 sehr schnell sper­rangel­weit geöffnet. Kri­tik­er befürchteten damals, dass das „Mehr“ an ver­füg­barem Geld die Preise in die Höhe treiben kön­nte. Doch sie irrten sich – der erwartete Infla­tions­druck blieb zunächst aus. Seit 2010 ist die US-Wirtschaft wieder auf Wach­s­tum­skurs, im Dezem­ber 2015 und 2016 sowie im März und Juni 2017 hat Noten­bankchefin Janet Yellen die Zin­sen jew­eils um 25 Basis­punk­te ange­hoben.

Die Preise in den USA sind in den ersten Monat­en des Jahres mit Rat­en ober­halb der 2 % gestiegen, zulet­zt lag die Teuerung bei 2,2 %. Anhal­tenden Infla­tions­druck kön­nte es vom Arbeits­markt geben – die Arbeit­slosen­quote liegt bei unter 5 %, so dass Lohn­er­höhun­gen wahrschein­lich sind. Ana­lysten der Dek­a­Bank erwarten, dass die Preis­steigerung in den USA im kom­menden Jahr 2,2 % betra­gen wird. Die US-Noten­bank FED hat bere­its angekündigt, gegen­s­teuern zu wollen. Ein bis zwei weit­ere Zinss­chritte um jew­eils 25 Basis­punk­te gel­ten als wahrschein­lich.

In Europa dage­gen haben die Regierun­gen zunächst aufs Sparen geset­zt: Ein Schulden­ab­bau in Kom­bi­na­tion mit Struk­tur­refor­men sollte die Volk­swirtschaften wieder auf Kurs brin­gen, so das Konzept. Doch wenn ges­part wird, geht die Nach­frage nach Gütern zurück – mit Auswirkun­gen auf die Preise. Die waren 2015 gegenüber dem Vor­jahr nur um 0,03 % gestiegen, im ver­gan­genen Jahr klet­terten die Preise um 0,2 %. Defla­tion­srisiken bestanden nach Ein­schätzung viel­er Ökonomen den­noch nicht, weil die schwachen Infla­tion­szahlen vor allem dem starken Rück­gang der Energiekosten geschuldet waren. Als sich Öl wieder ver­teuerte, zog auch die Infla­tion­srate wieder an – in der Euro-Zone klet­terten die Preise nach vor­läu­fi­gen Zahlen im Okto­ber im Ver­gle­ich zum Vor­jahres­monat um 1,4 %, in Deutsch­land um 1,6 %.

Mario Draghi, Chef der Europäis­chen Zen­tral­bank (EZB), hat den Leitzins erst im ver­gan­genen Jahr auf 0 % reduziert, der Ein­lagezins, zu dem Banken ihr Kap­i­tal bei der EZB parken kön­nen, ist mit – 0,4 % sog­ar neg­a­tiv. Durch den „Strafzins“ sollen Banken den Anreiz erhal­ten, Kred­ite an Unternehmen zu vergeben, damit die Kon­junk­tur an Fahrt gewin­nt. Zudem kauft die EZB bere­its seit März 2015 Anlei­hen auf. Das Kauf­pro­gramm wurde bere­its zweimal ver­längert und erweit­ert: Standen anfänglich nur Staatspa­piere auf dem Kaufzettel der Noten­bank, kamen im ver­gan­genen Jahr Unternehmen­san­lei­hen dazu.

Ziehen die Preise in der Euro­zone an, kann die EZB – anders als die US-Noten­bank FED – kaum mit Zinss­chrit­ten gegen­s­teuern. Der Grund: Die Wirtschaft­skraft in den einzel­nen Euro-Län­dern ist sehr unter­schiedlich. Während die starke deutsche Wirtschaft höhere Zin­sen gut verkraften kön­nte, bekä­men andere EU-Mit­gliedsstaat­en bei steigen­den Zin­sen Prob­leme, ihre Staatss­chulden zu refi­nanzieren.