Eugen Weinberg: „Das Ende des Ölzeit­alters ist längst eingeleitet – ich gebe dem Öl keine 100 Jahre mehr“

Interview
„Positive Effekte überwiegen“

Seit Som­mer 2014 hat sich der Ölpreis mehr als hal­biert, zu Jahres­be­ginn lag er so niedrig wie seit zwölf Jahren nicht mehr. Woran liegt das, und was sind die Fol­gen? Eugen Wein­berg, Leit­er Rohstof­f­analyse bei der Com­merzbank, gibt Auskun­ft und einen Aus­blick.

com­pass: Herr Wein­berg, freuen Sie sich über gün­stiges Öl?
Eugen Wein­berg: Als Kon­sument freue ich mich sehr über das gün­stige Öl. Es ist auch eine sehr ­gute Nachricht für die Öl kon­sum­ieren­den ­Volk­swirtschaften. Die Kon­sumenten prof­i­tieren, die Indus­trie mit Aus­nahme der Ölin­dus­trie auch.

com­pass: Früher brachen die Börsen ein, wenn der Ölpreis stieg – heute brechen sie ein, weil Öl bil­liger wird. Wie erk­lären Sie das?
Eugen Wein­berg: Das ist ein inter­es­santes Phänomen. Öl, Aktien und Staat­san­lei­heren­diten fie­len drei Monate lang par­al­lel zueinan­der. Das wurde vielfach mit ein­er schwachen Kon­junk­tur, also Nach­fragerück­gang, erk­lärt. Aber das ist Quatsch, die Nach­frage nach Öl ist auf Reko­rd­niveau, sie ist im ver­gan­genen Jahr sog­ar dop­pelt so stark gestiegen, wie zum Jahre­san­fang prog­nos­tiziert. Andere nen­nen wach­sende sys­temis­che Risiken als Grund, denn viele Förder­stät­ten, vor allem in den USA, sind kred­it­fi­nanziert.

com­pass: Die Bank of Amer­i­ca Mer­rill Lynch zog jüngst Par­al­le­len zur US-Hypotheken­krise. Sehen Sie hier Risiken?
Eugen Wein­berg: Tur­bu­len­zen kann ich nicht auss­chließen, wenn es zu Insol­ven­zen im US-Energiemarkt kommt. Den­noch hinkt der Ver­gle­ich gewaltig. Wir sprechen über mögliche Aus­fälle am Anlei­hen­markt in Höhe von 200 Mil­liar­den US-Dol­lar. Das ist viel, aber nicht mit der Hypothekenkrise zu ver­gle­ichen.

com­pass: Die Hypothekenkrise begann auch mit dem Aus­fall weniger Sub­prime-Kred­ite …
Eugen Wein­berg: Das stimmt, aber damals waren Konsu­menten, Banken und Unternehmen belastet, heute ist das so nicht der Fall. Im ­Gegen­teil: Ver­brauch­er und Indus­trie haben durch den Ölpreisver­fall mehr Geld zur Ver­fü­gung. Allein in den USA sind das mehr als 1,3 Mil­liar­den US-Dol­lar am Tag. Aufs Jahr gerech­net macht das 500 Mil­liar­den US-Dol­lar, die zusät­zlich für Kon­sum und Investi­tio­nen zur Ver­fü­gung ste­hen. Der pos­i­tive Effekt des gün­sti­gen Öles ­dürfte also ganz deut­lich über­wiegen.

© Gaby Gerster

© Gaby Ger­ster

Das Ende des Ölzeit­alters ist längst ein­geleit­et – ich gebe dem Öl keine 100 Jahre mehr“ — Eugen Wein­berg, Leit­er der Rohstof­f­analyse bei der Com­merzbank

com­pass: Der erwartete Schub für den Han­del und die Indus­trie blieb bish­er aber aus.
Eugen Wein­berg: Die Kon­sumenten trauen dem Brat­en noch nicht – das braucht mehr Zeit. Doch wer jeden Monat 100 Euro mehr in der Tasche hat, gibt das Geld irgend­wann auch aus.

com­pass: Warum also diese Skep­sis im Markt?
Eugen Wein­berg: Ein niedriger Ölpreis sorgt für schwache Infla­tion­ser­wartun­gen, und die wiederum schüren die Sorge vor ein­er Defla­tion. Das ist zwar para­dox – je stärk­er der Ölpreis sinkt, desto stärk­er dürfte er anschließend wieder steigen. Aber an den Märk­ten sind langfristig sink­ende Infla­tion­ser­wartun­gen eingepreist.

com­pass: Wer gehört zu den Ver­lier­ern der ­Ölpreisen­twick­lung?
Eugen Wein­berg: Neben den Ölpro­duzen­ten ger­at­en ganze Volk­swirtschaften unter Druck. Der rus­sis­che Haushalt etwa speist sich zur Hälfte aus Energie­ex­porten. Jet­zt wer­den Struk­tur­prob­leme sicht­bar, die durch den hohen Ölpreis verdeckt wor­den sind. Bei anhal­tend niedri­gen Ölnotierun­gen kön­nte es zu mas­siv­en ökonomis­chen und vielle­icht auch poli­tis­chen Ver­w­er­fun­gen kom­men.

com­pass: Seit 2014 ist der Preis pro Bar­rel Brent-Öl um 70 % gefall­en. Wird der Markt manip­uliert?
Eugen Wein­berg: Ander­sherum wird ein Schuh daraus. Bis 2014 hat­te die OPEC den Ölpreis kün­stlich hochge­hal­ten – kon­stant zwis­chen 100 und 120 US-Dol­lar. Fiel er tiefer, wurde die Pro­duk­tion gedrosselt. Als die Amerikan­er durch Frack­ing zum wichti­gen Ölpro­duzen­ten aufgestiegen sind, hat die OPEC ihre Strate­gie geän­dert. Jet­zt geht es nicht mehr darum, einen hohen Preis zu sich­ern, son­dern Anbi­eter aus dem Markt zu drän­gen, um Mark­tan­teile zurückzu­gewinnen. Steigt das Ange­bot schneller als die Nach­frage – wie in den ver­gan­genen Jahren geschehen –, sinkt der Preis.

com­pass: Geht die Strate­gie der OPEC auf?
Eugen Wein­berg: Die Erschließungskosten von Schiefer­öl liegen in den meis­ten Fällen deut­lich über dem aktuellen Ölpreis. Aber die OPEC hat zwei Dinge unter­schätzt: die Pro­duk­tiv­itätssteigerun­gen in der US-Ölin­dus­trie und die Flex­i­bil­ität bei der Finanzierung. Bish­er haben wir deshalb wenig Insol­ven­zen gese­hen. Aber ich gehe davon aus, dass einige US-Anbi­eter den Preiskampf nicht mehr lange durch­hal­ten wer­den. Um an Kap­i­tal zu gelan­gen, müssen sie zum Teil fast 20 % Zin­sen bieten. Ich würde sagen: kein attrak­tives Invest­ment. Die Ausfall­risiken sind hoch.

com­pass: Selb­st wenn US-Unternehmen vom Markt ver­schwinden – der Iran hat die Pro­duk­tion wieder auf genom­men…
Eugen Wein­berg: …  das wird den Markt nicht bewe­gen. Als sich das Ende des Atom­stre­ites im ver­gan­genen Som­mer abze­ich­nete, ist der Ölpreis auf­grund der Erwartun­gen deut­lich gefall­en. Die Effek­te sind also längst ­eingepreist.

Eugen Weinberg im Gespräch mit compass Redakteurin Birgit Wetjen
© Gaby Ger­ster

Eugen Wein­berg im Gespräch mit com­pass Redak­teurin Bir­git Wet­jen

com­pass: Wir dür­fen uns also an das gün­stige Tanken gewöh­nen?
Eugen Wein­berg: Was ist gün­stig? Einen Preis von 100 US-Dol­lar wer­den wir wohl so schnell nicht wieder­se­hen, aber ich halte es für wahrschein­lich, dass Öl gegen Jahre­sende wieder teur­er wird. Die Nach­frage nach Öl steigt weit­er stark an, und Investi­tio­nen in neue Anla­gen in Höhe von 400 Mil­liar­den US-Dol­lar wur­den auf­grund des ­niedri­gen Ölpreis­es bere­its zurück­gestellt. Die ­Zeche dafür wer­den wir in weni­gen Jahren ­zahlen müssen.

com­pass: Elek­tro­mo­bil­ität und Spe­ichertech­nolo­gien entwick­eln sich ras­ant weit­er. Naht das Ende des Ölzeital­ters?
Eugen Wein­berg: Das ist längst ein­geläutet – ich gebe dem Öl keine 100 Jahre mehr. Die Energieef­fizienz wird steigen und eben­so die Anzahl an Elek­tro-, Hybrid- oder Wasser­stof­fau­tos. Der Nach­frageanstieg im ver­gan­genen Jahr hat aber gezeigt, dass es noch zu früh ist, das Kapi­tel Öl schon jet­zt zu schließen.

967740, 969273 — Öl (Brent), MSCI World Index

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