Bert Flossbach: Der promovierte Ökonom ist Gründer und Vorstand der Flossbach von Storch AG in Köln, die 25 Milliarden Euro verwaltet. Allein der von ihm gemanagte Flaggschifffonds Multiple Opportunities (WKN A0M430) ist mehr als 10 Milliarden Euro schwer.

Interview
„Der Euro ist ein Spaltpilz.“

Bert Flossbach

Der pro­movierte Ökonom ist Grün­der und Vor­stand der Floss­bach von Storch AG in Köln, die 25 Mil­liar­den Euro ver­wal­tet. Allein der von ihm gem­anagte Flag­gschiff­fonds Mul­ti­ple Oppor­tu­ni­ties (WKN A0M430) ist mehr als 10 Mil­liar­den Euro schw­er.

Gel­dan­lage in tur­bu­len­ten Zeit­en: Ver­mö­gensver­wal­ter Bert Floss­bach sagt, worauf Anleger sich ein­stellen soll­ten und wie sie sich für Krisen wapp­nen kön­nen.

com­pass: Brex­it, US-Wahlen, Chi­na-Krise, dazu Schuldenkrise, Ter­ror und aufk­om­mender Nation­al­is­mus: Wie fühlt man sich, wenn man in diesem Umfeld zig Mil­liar­den an Anlegergeldern ver­ant­wortet?
Bert Floss­bach: Tat­säch­lich verge­ht kein Tag, an dem nicht irgend­wo etwas Beun­ruhi­gen­des oder Über­raschen­des passiert. Aber als Investor muss man tren­nen zwis­chen Ereignis­sen, die einen emo­tion­al belas­ten, und Ereignis­sen, die Kon­se­quen­zen für Wirtschaft und Unternehmen und ergo die Gel­dan­lage haben.

com­pass: In welche Kat­e­gorie fällt das Brex­it-Votum der Briten? Ihr Flag­gschiff­fonds hat danach gegen den Mark­trend sog­ar zule­gen kön­nen …
Bert Floss­bach: Wir hat­ten nicht mit einem Brex­it gerech­net. Aber wir posi­tion­ieren uns grund­sät­zlich nicht so, dass es nur für ein Szenario passt. Wir hat­ten das Pfund abgesichert und unsere Depots durch Invest­ments in robusten Aktien und Gold sta­bil­isiert. Das hat dafür gesorgt, dass wir nicht unter die Räder gekom­men sind.

com­pass: Vor dem Ref­er­en­dum hat­ten Brex­it-Geg­n­er vor ver­heeren­den Fol­gen gewarnt. Panikmache oder sehen Sie tat­säch­lich hohe Risiken?
Bert Floss­bach: Es zeigt sich, dass sich die Investi­tion­snei­gung und auch das Kon­sumk­li­ma ver­schlechtert haben. Vor allem der britis­che Mit­tel­stand wird die Fol­gen zu spüren bekom­men. Auf der anderen Seite gibt es auch Prof­i­teure – zum Beispiel britis­che Konz­erne, die ihre Ware vor allem im Euro- oder US-Dol­lar-Raum verkaufen. Sie erhal­ten Rück­en­wind durch das schwache Pfund. Unter dem Strich erwarte ich in Großbri­tan­nien eine Wach­s­tums­delle, aber keinen Kol­laps.

Der promovierte Ökonom ist Gründer und Vorstand der Flossbach von Storch AG in Köln, die 25 Milliarden Euro verwaltet. Allein der von ihm gemanagte Flaggschifffonds Multiple Opportunities (WKN A0M430) ist mehr als 10 Milliarden Euro schwer.

© Mau­rice Kohl

Japan arbeit­et am Per­petu­um Mobile der Staats­fi­nanzierung.“

Bert Floss­bach

com­pass: Welche Fol­gen hat der Brex­it für Rest-Europa?
Bert Floss­bach: Die wirtschaftlichen Fol­gen spie­len eine unter­ge­ord­nete Rolle, viel wichtiger sind die poli­tis­chen Kon­se­quen­zen – etwa Frik­tio­nen durch Polar­isierung, Nation­al­is­men und die Auswirkun­gen auf die Wahlen in Frankre­ich oder Deutsch­land. Die nation­al­is­tis­chen Ten­den­zen muss man auch als Investor sehr ernst nehmen, weil der Frei­han­del der Treiber für das Wirtschaftswach­s­tum ist.

com­pass: Ist der Brex­it der Anfang vom Ende der EU?
Bert Floss­bach: Die Zukun­ft kor­rekt zu prog­nos­tizieren, ist so wahrschein­lich wie ein Sechser im Lot­to. Wir kön­nen The­men nicht mehr isoliert -betra­cht­en, weil in ein­er glob­alen Welt alles mit allem zusam­men­hängt. Sich­er ist nur, dass wir poli­tisch und ökonomisch -ger­ade eine bemerkenswerte Anhäu­fung von Unsicher­heit­en erleben, die die Welt frag­iler machen.

com­pass: Unsicher­heit birgt auch die expan­sive Geld­poli­tik. Weltweit hän­gen die Volk­swirtschaften am Tropf der Noten­banken. Geht das auf Dauer gut?
Bert Floss­bach: Wie schw­er die Entwöh­nung von der Droge Geld ist, zeigt sich in den USA. Trotz robus-ter Wirtschaft kann die Fed die Zin­sen nur homöopathisch erhöhen. Geld­poli­tis­ches Exper­i­men­tier­haus par excel­lence ist aktuell jedoch Japan. Dort arbeit­et die Bank of Japan am Per­petu­um mobile der Staats­fi­nanzierung, indem sie sukzes­sive alle japanis­chen Staat­san­lei­hen aufkauft. Japan hätte bei gle­ich­bleiben­dem Kauftem­po und gle­ich­bleiben­den Schulden in acht Jahren nur noch einen Schuld­ner – sich selb­st. Die Neben­wirkung dürfte eine mas­sive Gelden­twer­tung sein.

com­pass: Auch die EZB kauft in großem Stil Staats- und Unternehmen­san­lei­hen auf …
Bert Floss­bach: … und ist zudem noch in der prekären Sit­u­a­tion, eine Währungs­ge­mein­schaft zusam­men­hal­ten zu müssen, die so nicht funk­tion­ieren kann.

com­pass: Kön­nte Helikoptergeld helfen, also Zen­tral­bankgeld, das Kon­sumenten direkt geschenkt wird?
Bert Floss­bach: Das klingt spek­takulär, aber indi­rekt gibt es das ja schon. Der Niedrigzins sorgt für enorme Einsparun­gen bei der Staats­fi­nanzierung, Geld also, das in Form von Renten­er­höhung oder Kita-Plätzen an die Bürg­er fließt. Oder anders gesagt: Ohne Zin­serspar­nis müssten wir den Gür­tel deut­lich enger schnallen. Ob direk­te Geldzuwen­dun­gen helfen? Wir haben über die GfK 600 Bürg­er gefragt, was sie mit 2.000 Euro vom Staat machen wür­den. Ergeb­nis: Die Hälfte würde ges­part und die Hälfte kon­sum­iert. Ich fürchte, der Stim­u­lus würde sich als Stro­hfeuer erweisen.

com­pass: Hat die EZB ihr Pul­ver denn bere­its ver­schossen?
Bert Floss­bach: Sie ste­ht vor ein­er unlös­baren Auf­gabe. Sie kann die Zin­sen weit­er senken. Aber schluss-endlich kann eine Währung­sunion ohne Fiskalu­nion nicht funk­tion­ieren. Ob in fünf, zehn oder zwanzig Jahren: Der Euro muss scheit­ern – Län­der wie Griechen­land haben mit dem Euro keine Chance. Der Stress wird sich also weit­er erhöhen.

com­pass: Das Ende des Euros als Teil der Lösung?
Bert Floss­bach: Der Euro verbindet nicht, er ist ein Spalt­pilz, weil er das Gegen­teil dessen bewirkt, was er erre­ichen sollte. In Län­dern wie Öster­re­ich, Deutsch­land oder den Nieder­lan­den haben sich die Währun­gen über Jahrzehnte par­al­lel entwick­elt. Aber andere Län­der der EU haben ganz andere Tra­di­tio­nen. Mit der Gemein­schaftswährung ver­suchen wir, die Unter­schiede plattzu­machen, aber das wird nicht funk­tion­ieren. Für mich sind Euro–Befürworter, die den Euro in sein­er jet­zi­gen Form dog­ma­tisch beibehal­ten wollen, deshalb Anti-Europäer.

com­pass: Wäre eine Rück­kehr zu nationalen Währun­gen denn ohne poli­tis­che und ökonomis­che Frik­tio­nen über­haupt möglich?
Bert Floss­bach: Ohne Schmerzen wird es nicht gehen. Aber was ist die Alter­na­tive? Einen Fehler immer weit­er wieder­holen? Am Ende des Tages geht es nicht ohne Wach­s­tum und Infla­tion – und das kön­nen die Noten­banken nicht stim­ulieren. Wir brauchen deshalb struk­turelle Refor­men: Steuern runter, Grund­frei­be­trag erhöhen, weg mit dem Sol­i­dar­ität­szuschlag. Es wäre ein Kinder­spiel, einen Wachstums–Boom zu ent­fachen, der auch nach­haltig ist.

com­pass: Sich­er ist, dass nichts sich­er ist. Wie kön­nen Anleger sich da auf­stellen?
Bert Floss­bach: Es gibt drei Möglichkeit­en. Man kann an den Börsen auf das Armaged­don set­zen, also einen Crash, der irgend­wann auch kom­men mag. Aber sich durch ein­seit­ige Absicherungsstrate­gien schützen zu wollen, ist dauer­haft sehr teuer und kann langfristig sog­ar in die Pleite führen. Sie kön­nen alter­na­tiv auch darauf ver­trauen, dass die Noten­banken es schon richt­en wer­den. Das ist die Gefahr, der viele Anleger auf­grund ihres tradierten Sicher­heits­denkens erliegen. Sie fühlen sich sich­er, sind aber im Risiko. Wir ziehen eine robuste Anlages­trate­gie vor, die genü­gend Risikop­uffer bietet, um Krisen halb­wegs schad­los zu über­ste­hen.

com­pass: Wie sieht das konkret aus?
Bert Floss­bach: Wir investieren in Unternehmen mit möglichst krisen­sicheren Geschäftsmod­ellen, gesun­den Bilanzen sowie wenig Staat­se­in­fluss und mis­chen Gold und Unternehmen­san­lei­hen bei. In volatilen Märk­ten bieten sich immer auch Oppor­tu­nitäten. Nach Bekan­ntwer­den des VW-Abgasskan­dals haben wir beispiel­sweise eine Nachran­gan­lei­he von VW gekauft. Einzige Voraus­set­zung für Ren­dite ist, dass VW über­lebt.

com­pass: Die Nestlés dieser Welt sind genau­so wie Immo­bilien aktuell teuer. Rech­net sich das?
Bert Floss­bach: Anleger suchen Dura­tion und Sicher­heit. Qual­ität­sak­tien schüt­ten regelmäßig Divi-den­den aus und erset­zen langlaufende Bonds. Vor Immo­bilien als Kap­i­ta­lan­lage kann ich dage­gen nur war­nen. Das ist riskant und nur etwas für Profis. Oder für Men­schen, die Risiken mögen, viel Zeit haben und sich gerne mit Ablage und Auseinan­der­set­zun­gen mit Mietern beschäfti­gen.