2020: Ein Börsenjahr im Zeichen hoher Unsicherheit 

17. Januar 2020 | Andreas Lipkow

Das kommende Börsenjahr 2020 wird im Gegensatz zum Vorjahr von Unsicherheit geprägt sein. Nicht nur die geopolitische Gemengelage im Nahen Osten, sondern auch der zunehmende Handelsprotektionismus und die schwankende Konjunktur in Europa und China werden starke Einflussfaktoren für das aktuelle Börsenjahr sein. Es bleibt gerade in Bezug auf die Vorschusslorbeeren bei den Preisnotierungen europäischer und amerikanischer Aktien in der Endphase des vergangenen Börsenjahres 2019 die Frage offen, ob die Unternehmensgewinne diese Bewertungsstände rechtfertigen können. Das Börsenjahr 2020 bringt dementsprechend nicht so gute Voraussetzungen mit wie das vergangene. Dennoch bleiben die Aussichten für Gewinne an den europäischen Aktienmärkten gut. Die Börsen könnten sich 2020 jedoch sehr volatil entwickeln, so dass es sinnvoll ist, sich gezielt auf Einzeltitel zu fokussieren. Staatsanleihen sollten im aktuellen Jahr weiterhin hoch bewertet bleiben.

Deutschland und Europa

Für Deutschland kann mit einer etwas stärkeren Konjunktur gerechnet werden. Der leichte Schwung aus dem abgelaufenen Finanz- und Fiskaljahr 2019, speziell zum letzten Quartal, wird mit in das erste Halbjahr 2020 übernommen werden können. Eine exorbitante Steigerung der Unternehmensgewinne wird sich in den ersten beiden Quartalen noch nicht zeigen können. Dafür war die allgemeine Skepsis in den Managementetagen zu hoch und erfolgten die Investitionen der Unternehmen noch zu zögerlich. Zu viele Aspekte wirkten in der zweiten Jahreshälfte 2019 noch störend. Diese sollten sich jedoch zur zweiten Jahreshälfte 2020 weitestgehend auflösen. Zu nennen sind hier die Brexit-Skepsis und der Handelskonflikt zwischen China und den USA.

Weiterhin wird in Europa keine signifikante Steigerung der Inflationsrate erwartet. In Europa sind die Ausweichmöglichkeiten der Arbeitgeber und die nach wie vor fehlende Flexibilität der deutschen Fachkräfte zu groß, um zu einen erkennbaren Lohnsteigerungsdruck führen zu können. Auch mit Blick auf den gesamten Arbeitsmarkt in der EU zeigt sich, dass der Lohndruck in den meisten Staaten nicht hoch ist. Die Arbeitslosenquote lag im vergangenen Jahr in der Eurozone bei ca. 6,3%.

Während sich in Deutschland ein heterogenes Bild am Arbeitsmarkt zeigt, bleibt die Arbeitsmarktsituation in Spanien, Frankreich und Italien weiterhin angespannt. In Deutschland sieht man in einigen Wirtschaftsbereichen erste Anzeichen von Stellenabbau und in anderen weiterhin eine hohe Nachfrage nach Fachkräften. Insbesondere der deutsche Mittelstand im Handwerk kann viele offene Stellen nicht besetzen.

Große Konjunktursprünge können daraus jedoch nicht erwartet werden, da es zu wenig Wachstumsimpulse aus einem dafür notwendigen breiten globalen Wirtschaftswachstum gibt. In Deutschland hat insbesondere das Konsumverhalten der privaten Haushalte die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal wieder angekurbelt. Das niedrige Zinsumfeld und die teilweise erhobenen negativen Zinsen waren ausschlaggebend dafür.  
Größere Wirtschaftszuwächse werden auch im aktuellen Jahr 2020 in Asien und insbesondere China sowie Nordamerika mit Schwerpunkt auf den USA zu beobachten sein. Zudem sollte eine möglicherweise leicht anziehende Investitionsneigung der Unternehmen wachstumsfördernd für die deutsche Binnenwirtschaft sein. Hierbei könnte sich die weiterhin hohe Nachfrage im Immobiliensektor erneut als ein stützendes Element herausstellen. Beachtet werden muss in diesem Zusammenhang die Entwicklung hin zu regulatorischen Eingriffen gegen weiter steigende Immobilien- und Mietpreise in den großen Ballungszentren. Die weiter voranschreitende und in vielen Wirtschaftssektoren forcierte Digitalisierung der deutschen Wirtschaft könnten ebenfalls die bisherige Investitionszurückhaltung aufbrechen.

Der Abgas-Skandal hatte im vergangenen Börsenjahr 2019 für die deutsche Autoindustrie zu einem Basiseffekt geführt. Die Absatzzahlen der deutschen Autobauer zogen nach der Kaufzurückhaltung in den vorherigen Quartalen ab Jahresmitte 2019 wieder an. Einhergehend mit möglichen staatlichen Förderprogrammen zum Neukauf moderner E-Mobility-Fahrzeuge können auch im laufenden Geschäftsjahr Wachstumssprünge in einigen Autosparten erwartet werden. Die Belastung der deutschen Industrie dürfte nachlassen und zu einem marginalen Wirtschaftswachstum im Gesamtjahr 2020 führen. Ein BIP-Wachstum in Deutschland von 1,3 % bis 1,5 % für das kommende Wirtschaftsjahr 2020 halten wir durchaus für möglich.

Wieder ansteigende Unternehmensgewinne könnten zumindest die Aktien im DAX und Eurostoxx 50 in der zweiten Jahreshälfte stützen und bestenfalls für steigende Notierungen sorgen. Ein interessanter Themenkomplex dürfte im laufenden Börsenjahr die Infrastrukturschaffung für das 5G Mobilfunknetz und die damit verbundenen Unternehmen sein.

In Europa werden die Kernländer Frankreich, Spanien, Italien und die Niederlande wichtige Säulen für das Wirtschaftswachstum bleiben. Nicht zuletzt der zukünftige wirtschaftliche Erfolg dieser Länder sollte auch auf politischer Ebene zu einer Beruhigung führen. Dies hatte sich in den vergangenen Jahren speziell in Frankreich gezeigt. Die Lage einiger italienischer Geldhäuser kann weiterhin als angespannt angesehen werden. Die EZB-Geldpolitik war in den vergangenen Monaten weiter verstärkt auf eine außerordentliche Unterstützung des Wirtschaftswachstums speziell in diesen Ländern fokussiert. Das Gesamtwachstum in der Eurozone sollte, gefördert von diesen expansiven Maßnahmen unter der Führung der neuen EZB-Ratsvorsitzenden Christine Lagarde, vorangetrieben werden.

Deutschland wird im kommenden Jahr wahrscheinlich mit einer fragmentalen wirtschaftlichen Wiederbelebung einiger Wirtschaftsbereiche rechnen können. In diesem Szenario spielen sowohl die Geld- und Finanzmarktpolitik der EZB als auch die Lösung des Handelskonflikts zwischen China und den USA entscheidende Rollen. Dabei wird auch im aktuellen Jahr eine Zinswende in Europa unwahrscheinlich bleiben.

Das Handeln der EZB speziell mit Blick auf eine Wiederaufnahme des Anleiheaufkaufprogrammes könnte sich zu einem zentralen Thema entwickeln. Dies konnte bereits der Antrittsrede von Christine Lagarde entnommen werden. Zusätzliche Unterstützung kann von Seiten der europäischen Politik und der bereits antizipierten Zinswende in den USA kommen. Eine stärkere Aufwertung des Euro im Verhältnis zu den anderen Leitwährungen durch die EZB-Geldmarktpolitik ist deshalb weiterhin nicht zu erwarten. Die Position der EZB im Kontext der geschwächten Konjunkturentwicklung in der Eurozone ist auch weiterhin eine zentrale Fragestellung. Welche Maßnahmen kann die EZB im Jahr 2020 noch ergreifen, um die europäische Wirtschaft forciert zu stimulieren?
Auf der Zinsseite würde eine weitere Absenkung kaum noch positive Effekte hervorrufen. Für den Euro würde dies mittelfristig zum US-Dollar zu einer weiteren Stabilisierung führen, die sich in einer Handelsspanne zwischen 1,11 bis 1,14 US-Dollar zeigen könnte. Eine damit potenziell verbundene Bremswirkung für die deutschen Exportwerte dürfte ausgeschlossen sein. Eine innerpolitische Schwäche im Euroraum könnte sich aus den verschiedenen angespannten politischen Situationen z. B. in Deutschland oder Spanien ergeben. Daraus lassen sich derzeit jedoch keine größeren Folgen für den Euro zum US-Dollar ableiten.

Das Brexit-Thema ist im gesamtwirtschaftlichen Kontext eher eine Randnotiz und dürfte keine größeren und direkten Folgen für die europäische Gemeinschaftswährung und die Aktienmärkte in Europa haben. Es bleibt weiter spannend, ob Großbritannien den Brexit im angestrebten und neu vereinbarten Zeitrahmen umsetzen kann. Ein möglicher geordneter Brexit kann in Großbritannien zu der Auflösung bisheriger Investitionszurückhaltungen führen.  

Asien und Japan

Japan steht als klassische Industrienation auch im kommenden Jahr weiter im Fokus der Investoren. Wie in Europa dürften insbesondere die niedrige Arbeitslosenquote und die demografische Entwicklung bremsend auf den weiteren Konjunkturverlauf wirken. Die Überalterung der japanischen Bevölkerung bleibt auch im Jahr 2020 ein Thema. Die darauf erfolgenden Maßnahmen der japanischen Regierung sind durchaus nicht nur für Japan interessant, sondern können auch für die anderen westlichen Industrienationen in Bezug auf die weitere Entwicklung der Wirtschaft und die sozialen Systeme wegweisend sein. Das daraus resultierende schwache Wachstum im niedrigen Inflationsumfeld sollte zu einem BIP-Anstieg von max. 0,5 % führen.

China wird mit einem staatlich verordneten Wachstum von 5,5 % bis 6,0 % leicht unter Plan liegen. Größere Revidierungen hängen klar mit den Handelsgesprächen zwischen den USA und China zusammen. Der Schattenbankensektor und der heiß gelaufene Immobiliensektor bleiben weiterhin Risikofaktoren. Der Immobilienboom ist durch das Vorgehen der People‘s Bank of China (PBOC) und der daraus resultierenden restriktiveren Kreditvergabe teilweise gestoppt worden. Im kommenden Jahr sollte auf die weitere Preisentwicklung im Immobiliensektor in den Boomstädten, wie z. B. Shanghai und Shenzhen, geachtet werden. Die PBOC hat in den letzten Wochen des Jahres 2019 angefangen, wieder eine etwas expansivere Geldpolitik zu betreiben. Dies war den schleppenden Fortschritten im Verhandlungsmarathon zwischen den USA und China geschuldet.

USA

In den USA ist die Situation anders als in Europa. Durch den weiterhin robusten Arbeitsmarkt und das günstige wirtschaftliche Umfeld ist der private Konsum maßgebliche Stütze der US-Binnenwirtschaft. Die Arbeitslosenquote sollte im kommenden Jahr bei 3,5 % bis 3,75 % liegen. In den USA findet im Spätherbst die Wahl des Präsidenten statt und sollte für ein weiterhin konjunkturell günstiges Wirtschaftsklima sorgen. In Wahljahren versucht der jeweilige Amtsinhaber oft, mit Fiskalgeschenken und direkten Wirtschaftsmaßnahmen die Wähler für sich zu gewinnen. Die Chancen für eine Stabilisierung des verarbeitenden Gewerbes sind gut. Der Sektor wird insbesondere von einer möglichen Wachstumsbeschleunigung der globalen Wirtschaft profitieren können, die aus einer potenziellen Entspannung der Handelsbeziehungen zwischen den USA und China resultierte könnte.   

Die robuste konjunkturelle Verfassung der US-Wirtschaft wurde im vergangenen Jahr insbesondere durch private und staatlichen Konsumausgaben getragen. Diese erneute Unterstützung durch die US-Binnenwirtschaft kann das BIP auf einem Niveau von 1,7 % bis 2,1 % halten. Der amtierende US-Präsident Donald Trump ist im vergangenen Jahr durch einen starken Protektionismus der US-Wirtschaft aufgefallen. Diese Vorgehensweise dürfte sich im aktuellen Jahr etwas entspannen. Die entsprechende Kommunikation auf dem internationalen politischen Parkett sollte sich ebenfalls entkrampfen. Die USA bleiben außenpolitisch weiter im Fokus und bestimmen die politische Debatte. Bislang sind die befürchteten Entwicklungen nicht in dem Ausmaß eingetreten.

Die bisherigen wirtschaftspolitischen Entwicklungen in den USA kommen nicht weiter voran und werden auch im kommenden Jahr im Fokus der Investoren stehen. Der bereits beschriebene Wirtschaftsprotektionismus bleibt auch im aktuellen Jahr ein wichtiger Diskussionspunkt unter den Investoren, zumal sich eine Ausweitung bzw. Umkehr auf den europäischen Wirtschaftsraum abzeichnet. Das kann auf der einen Seite neues Potenzial für die US-Wirtschaft bieten, falls diese umgesetzt werden. Auf der anderen Seite würde eine weitere Verzögerung bei der Beilegung des Handelskonflikts zu einer Stagnation des Wirtschaftswachstums in den USA führen. Die Unternehmen müssen in den USA ein wirtschaftspolitisch sicheres und kalkulierbares Umfeld vorfinden, um Investitionen vornehmen zu können. Konsumgüter und Dienstleistungen allgemein werden neben Digitalisierung und Infrastruktur zu den beachtenswerten Branchen der nächsten Monate gehören. Die US-Technologiewerte sollten somit auch im Börsenjahr 2020 klar die Führung an den US-Börsen behalten.

Bei der US-Zinspolitik rechnen wir mit einer langsameren Gangart und keinen größeren und überraschenden Zinsschritten. Die US-Wirtschaft befindet sich in einer durchaus robusten Verfassung mit quasi Vollbeschäftigung und soliden Wachstumsraten. Eine in dem vergangenen Jahr diskutierte Rezession sehen wir aktuell nicht. Gleichzeitig werden die Bilanzreduktion der Fed und die Entwicklungen am US-Repo Markt im Blickpunkt bleiben.
Die Inflationsrate wird auch in den USA keinen Druck im kommenden Jahr ausüben. Der Einfluss disruptiver technologischer Veränderungen auf die Märkte hat eine Inflationssteigerung in den letzten Jahren verhindert und wird dies auch in den kommenden Jahren weiter tun. Der Online-Handel und das Online-Vermittlungsgeschäft sorgten für einen anhaltenden Preisdruck im stationären Einzelhandel und bei verorteten Dienstleistungsanbietern. Die Effekte aus den erhobenen Strafsteuern und die teilweise sprunghaft angestiegenen Rohstoffpreise wurden von den Unternehmen bei der Preisgestaltung für die Endkunden fast vollständig eskomptiert. Gerade die Energieträger, wie Rohöl und Erdgas, konnten keine nachhaltigen hohen Preisniveaus ausbilden. Die internationale Produktion hat die Nachfrage nach Energieträgern übertroffen und für eine schnelle Preisberuhigung gesorgt. Es fehlte die notwendige starke konjunkturelle Komponente für eine spürbare Preissteigerung.    

Insgesamt stellt sich die wirtschaftliche Gesamtsituation in den USA als stabil und robust dar. Sicher dürfte eine etwas abnehmende Wachstumsdynamik durchaus sichtbar sein. Eine Umkehr ist aus der aktuellen Situation nicht anzunehmen. Raum für eine fiskalische Stimulierung oder erneute Steuerreformen im Vorfeld des US-Wahlkampf sehen wird nicht.


Rohstoffe

Bei den Rohstoffen sehen wir im aktuellen Börsenjahr sowohl bei Edelmetallen als auch bei klassischen Industriemetallen Potenzial. Gold und Silber könnten sowohl von einer wirtschaftlichen Erholung stimuliert werden als auch aufgrund von Unsicherheiten an den Aktienmärkten stärker gefragt sein. Kupfer würde direkt von einer Aufhellung der globalen Konjunktur profitieren.

Bei den Energieträgern sollte das Kurspotenzial weiterhin eher begrenzt sein. Dabei spielen die umweltpolitischen Themen noch keine primäre Rolle. Vielmehr dürfte der hohe Überhang auf der Angebotsseite weiter Druck auf die Notierungen ausüben. Daraus resultiert, dass die Rohölsorte Brent durchschnittlich eher um das Preisniveau von rund 60 US-Dollar gehandelt werden wird, solange zum einen die konjunkturellen Wachstumssorgen und auf der anderen Seite die geopolitischen Spannungen nicht zu einem Preisschock ausarten.

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