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EZB: Schwache Konjunkturdaten sprechen für weitere Zinssenkung
Hannover (www.aktiencheck.de) - Die Märkte haben in der vergangenen Woche zunächst enttäuscht auf den Auftritt Mario Draghis im Anschluss an die EZB-Ratssitzung reagiert, so die Analysten der Nord LB.
Mit recht deutlichen Einbußen bei den wichtigsten europäischen Aktienindices sowie nochmaligen Renditeaufschlägen für lang laufende Staatsanleihen der Krisenländer hätten die Marktteilnehmer das Ausbleiben einer Ankündigung von konkreten und zeitnah umzusetzenden Maßnahmen der Notenbank quittiert. Allerdings habe EZB-Präsident Mario Draghi selbst die Latte durch seine Äußerungen im Vorfeld sehr hoch und damit den Grundstein für die Marktenttäuschungen gelegt. Prinzipiell hätten die Währungshüter um Mario Draghi den Ball ins Feld der Politik zurückgespielt.
Zwar bereite sich nach seinen Aussagen die EZB auf eine unterstützende Rolle für die europäische Politik bei Stützungsaktionen für große Staaten wie Spanien und Italien vor. Allerdings werde eine Flankierung durch die Geldpolitik davon abhängig gemacht, dass auch die Regierungen über EFSF/ESM handeln würden, wofür zuvor ein Hilfsantrag des jeweils betroffenen Staates und damit ein klares Bekenntnis zu Struktur- und Haushaltsreformen erforderlich seien. Insofern gebe es keinen Freibrief für Spanien und Italien zum Zugriff auf die Notenpresse - hier dürften sich die Regierungschefs der südlichen Länder mehr erhofft haben.
Bereits ab Freitag habe es an den Märkten nach der anfänglichen Enttäuschung bereits wieder eine Gegenbewegung gegeben. Insbesondere der Hinweis, dass sich die EZB auf Interventionen am kurzen Ende der Märkte für Staatsanleihen vorbereite, habe die entsprechenden Renditen der Krisenländer gedrückt. Spanische Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zwei Jahren würden aktuell bei rund 3,90% und zwischenzeitlich sogar noch tiefer rentieren, während Ende Juli die Rendite in der Spitze noch über 7,0% gelegen habe. Die EZB habe eben doch die Tür ein wenig mehr zur monetären Intervention geöffnet.
Die EZB habe zudem erklärt, dass sie die bevorrechtigte Behandlung im Verhältnis zu anderen Gläubigern - wie bei dem PSI im Falle Griechenlands geschehen - als Problem für die Bereitschaft privater Investoren, Staatsanleihen der betroffenen Staaten mit Quasi-Nachrangcharakter zu halten, erkannt habe und dies bei der Erarbeitung der Richtlinien zu berücksichtigen gedenke. Dies würde aber die Risiken von Interventionen weiter erhöhen.
Insofern überrasche es auch nicht, dass Jens Weidmann als Vertreter der traditionell zu den Hardlinern gehörenden Bundesbank gegen diesen Kurswechsel der EZB gestimmt habe. Allerdings sei er der Einzige gewesen, was belege, dass die früher recht einfach zu ziehenden Grenzen innerhalb des Rates immer mehr verwischen würden. So seien die ebenfalls traditionell "hawkish" aufgestellten Notenbanken aus Finnland und Luxemburg und selbst der zweite deutsche Vertreter im EZB-Rat, Asmussen, der Bundesbank nicht auf ihrer Linie gefolgt.
Da wohl kaum davon ausgegangen werden könne, dass in kurzer Zeit überall der geldpolitische Schlendrian Einzug gehalten habe, spreche vieles dafür, dass die Isolierung der Bundesbank in dem Gremium durch eine wachsende Sorge bei den anderen Notenbankern über den Erhalt der Eurozone an sich zustande gekommen sei. Auch die immer giftigeren Kommentare im Schwarze-Peter-Spiel der europäischen Politik und Medien dürften hierzu ihren Teil beigetragen haben. Wie sonst sei der Hinweis Draghis zu verstehen, dass der Auftrag zur Währungsstabilität auch den Erhalt der Währung an sich impliziere. Allerdings baue Draghi hiermit auch den zu erwartenden Diskussionen über einen vermeintlichen Rechtsverstoß durch massive Interventionen der EZB vor.
Eine häufig diskutierte Option, die Vergabe einer Banklizenz für EFSF bzw. ESM und der damit verbundene theoretisch unbegrenzte Zugang der Rettungsschirme zur EZB-Liquidität, seien von Draghi sehr deutlich verworfen worden. Zunächst einmal sei diese Frage ohnehin nicht durch die EZB, sondern durch die Regierungen zu klären. Er habe aber auch klargestellt, dass EFSF/ESM nach seiner Ansicht keine Geschäftspartner der EZB sein könnten, selbst wenn die Regierungen die Rettungsinstrumente mit einer Banklizenz ausstatten sollten. Dies sei durchaus zu begrüßen, da dies die Unabhängigkeit der EZB untergraben und die Grenzen zwischen Fiskal- und Geldpolitik verwischt hätten.
Auf der Zinsseite habe Mario Draghi (noch) keine Änderungen mitzuteilen gehabt, wenngleich einige Marktteilnehmer insgeheim auf einen weiteren Schritt gehofft haben dürften. So kurz nach der historischen Zinssenkung im Juli sei wie erwartet zunächst alles wie gehabt geblieben. Auf Nachfrage habe er jedoch bekannt, dass über eine weitere Lockerung sehr wohl diskutiert und lediglich der Zeitpunkt als nicht adäquat angesehen worden sei. Seither habe sich jedoch zumindest aus konjunktureller Sicht die Zahl der Argumente für eine Zinssenkung weiter erhöht. So hätten sich die Auftragseingänge und die Industrieproduktion in Deutschland im Juni schwach entwickelt, Italien (-0,7% Q/Q) und Spanien (-0,4% Q/Q) hätten zudem bereits erwartet schwache Wachstumszahlen für das 2. Quartal gemeldet.
Insgesamt sei das BIP der Eurozone im Frühjahr geschrumpft und der gemeinsame Währungsraum sollte auch im Sommer in der Rezession verharren. Eine weitere Absenkung des Tendersatzes auf 0,5% stehe daher aus Sicht der Analysten schon in Kürze auf der Agenda, wobei sich die Währungshüter gemäß den Aussagen Mario Draghis bei dem Einlagesatz nicht unter 0% und damit in "unerforschte Gewässer" begeben dürften. Die Geldmarktsätze dürften somit - in geringerem Tempo - noch etwas weiter sinken.
Allerdings dürfe bezweifelt werden, dass eine weitere Zinssenkung von ohnehin bereits historisch niedrigem Niveau aus in dem aktuell von hoher Unsicherheit geprägten Umfeld nennenswerte konjunkturelle Effekte auslöse, zumal die Transmission durch die Krise massiv gestört sei. Allenfalls über eine positive Beeinflussung der Erwartungen von Unternehmen und Haushalten ließe sich ein Effekt erwarten. Aber auch hier liege der Schlüssel mehr in der Lösung der Krise denn in einer marginalen Absenkung des Leitzinsniveaus. (08.08.2012/ac/a/m)
Quelle: AKTIENCHECK.DE
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