Di, 26.06.12 14:30
Hamburg (www.aktiencheck.de) - Ende Februar diesen Jahres hat der sich verschärfende Atomkonflikt mit dem Iran den Ölpreis (Brent) auf Niveaus deutlich oberhalb der 120 USD/Barrel getrieben: Ab April wurden die hohen Stände dann allmählich verlassen, so die Analysten der HSH Nordbank AG.
Ein Faktor für den sinkenden Ölpreis sei der sich entspannende Iran-Konflikt gewesen. Angesichts der zunehmenden Sanktionen des Westens, die den Druck auf den Iran massiv erhöht hätten, seien die fünf UN-Vetomächte USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien sowie Deutschland (5+1-Gruppe) auf der einen Seite und der Iran auf der anderen Seite seit April wieder an den Verhandlungstisch zurückgekehrt. Doch die bisherigen Gespräche hätten bislang keine konkreten Ergebnisse hervorgebracht - das gelte auch für die Verhandlungen am 18./19. Juni in Moskau, bei denen sich beide Seiten nur darauf hätten verständigen können, sich Anfang Juli auf niedrigerer diplomatischer Ebene noch einmal zu treffen, um Schnittmengen für neue Verhandlungen auszuloten. Dies zeige, dass derzeit die Differenzen unüberbrückbar seien.
Trotz der verschärften Sanktionen scheine der Iran nicht auf die Forderungen der 5+1-Gruppe eingehen zu wollen, deren wichtigste Punkte ein Stopp der Urananreicherung auf 20%, ein Export des bereits auf diesen Grad angereicherten Materials sowie das Schließen der unterirdischen Atomanlage von Fordow seien. Der Iran fordere seinerseits unter anderem das Recht auf Urananreicherung, die Aufhebung von Sanktionen im Gegenzug für iranische Kooperation mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) und Zusammenarbeit im Bereich der zivilen Kernkraft. Von dem nächsten Treffen hänge ab, ob es weitere diplomatische Gespräche mit dem Iran geben werde.
Das bedeute, der Iran müsse sich entscheiden, ob er der Diplomatie eine Chance geben wolle. Denn ohne substantielle Zugeständnisse würden sich die verhandelnden Länder dieses Mal wohl kaum abspeisen lassen. Das Zeitfenster für eine diplomatische Lösung dürfte nicht ewig offen stehen. Seien keine erkennbaren Fortschritte bei den Gesprächen mit dem Iran zu verzeichnen, drohe ein Ende der Diplomatie. Die Alternative dürfte für keine der beiden Seiten erstrebenswert sein: Ein Militärschlag von Israel, das sich durch das iranische Atomprogramm zunehmend bedroht fühle, möglicherweise mit Unterstützung der USA.
Eine militärische Intervention sei kaum dazu angetan, die Situation zu verbessern. Es sei davon ausgehen, dass das iranische Atomprogramm dadurch zwar zurückgeworfen werden würde, aber keinesfalls komplett zu stoppen wäre. Stattdessen dürfte es zu einer kompletten Destabilisierung der Region kommen - wahrscheinlich mit vielen unvorhersehbaren Folgen.
Israel würde sich in einem offenen Konflikt mit seinen Nachbarn befinden, der Terrorismus würde angeheizt werden, und der Westen hätte einen neuen Brandherd, der kaum zu befrieden wäre. Auch der Effekt auf den Ölpreis wäre erheblich und würde das ohnehin schon nachlassende Wachstum der Weltwirtschaft weiter dämpfen. Der Preis für Brent könnte in solch einem Szenario in Regionen zwischen 150 und 200 USD/Barrel vorstoßen. Die Risiken einer Militärintervention würden den Nutzen also deutlich übersteigen, sodass eine solche unbedingt zu vermeiden sei.
Andererseits sei ein Iran mit Atomwaffen für die Weltgemeinschaft kaum zu tolerieren. Er würde ein erhebliches Sicherheitsrisiko darstellen und andere Länder dazu verleiten, ebenfalls nach Nuklearwaffen zu streben. Das heiße, es müsse eine Lösung am Verhandlungstisch erzielt werden. Dafür müssten sich aber beide Streitparteien aufeinander zu bewegen - der Druck der Sanktionen, die den Iran immer stärker in die Isolation treiben würden, sollte dabei helfen.
Die Unsicherheit darüber, ob eine diplomatische Lösung gefunden werden könne oder nicht doch ein Militärschlag drohe, dürfte auf Sicht der kommenden Wochen steigen und damit einem weiteren Preisverfall von Brent zumindest einen Riegel vorschieben, wenn nicht sogar längerfristig zu leicht steigenden Notierungen führen würden. (26.06.2012/ac/a/m)


