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HINTERGRUND: Experten setzen auf Dax-Erholung - Spielverderber Schuldenkrise?


Sa, 30.06.12 10:05


FRANKFURT (dpa-AFX) - Ungeachtet der eskalierenden Schuldenkrise in Europa könnte der Dax mit dem deutlichen Rutsch im zweiten Quartal nach Einschätzung von Experten das Gröbste hinter sich haben. Die von dpa-AFX befragten Fachleute rechnen bis zum Jahresende im Schnitt mit einem Dax-Stand von 7.038 Punkten - das wäre ein Plus von rund knapp zehn Prozent im Vergleich zum Freitagsschluss. Viele Analysten halten Aktien derzeit für günstig bewertet - zudem mangelt es wegen des Dauertiefs für Zinsen bei Staatsanleihen großer Industrienationen wie Deutschland, Japan oder den Vereinigten Staaten an renditestarken Alternativen.

Einen weiteren Grund für mögliche Kursgewinne könnte auch eine Konjunkturstabilisierung außerhalb Europas darstellen. Doch die Theorie von der möglichen Kurserholung steht auf tönernen Füßen. Eine weitere Verschärfung der Schuldenkrise oder ein Auseinanderbrechen der Eurozone würde wohl alle Kalkulationen und Hoffnungen zunichte machen.

Gerade die Eurokrise hatte den Dax im zweiten Quartal fest im Griff - unter teils heftigen Schwankungen ging es zwischen April und Ende Juni um knapp acht Prozent nach unten. Dank des guten Auftaktquartals verzeichnete der deutsche Leitindex im bisherigen Jahresverlauf aber immerhin ein Plus von fast neun Prozent. Im internationalen Vergleich schlug sich der Dax bisher gut, einzig der S&P-500-Index kann eine vergleichbare Entwicklung vorweisen. Der EuroStoxx 50 liegt derzeit etwas mehr als vier Prozent im Minus, zahlreiche Indizes in Europa sogar deutlich stärker.

Indes glaubt kaum ein Analyst an einen ununterbrochenen Aufwärtstrend im zweiten Halbjahr. 'Gerade zu Beginn der zweiten Jahreshälfte könnten zwischenzeitlich einzelne Störfeuer politischer oder wirtschaftlicher Natur die Aktienmärkte über mehrere Tage unter Druck setzen,' sagte Peter Reichel, Leiter Private Vermögensverwaltung der Berenberg Bank.

Zudem erscheine wegen der vorherrschenden Risiken das Potenzial des Aktienmarktes vorerst begrenzt. 'Sollten nicht neue, wesentlich negative Nachrichten bekanntwerden, dürfte sich die schlechte Stimmung im Jahresverlauf aber normalisieren,' fuhr der Experte fort. 'Nach dem Motto: Keine neuen schlechten Nachrichten sind gute Nachrichten, dürfte die Risikoscheu der Anleger nachlassen.' Diese strategische Ausrichtung basiere aber darauf, dass keine massiven Spekulationen gegen Italien eintreten.

Nach einer Bodenbildung im Bereich von 6.000 bis 6.200 Punkten sieht Aktienstratege Andreas Hürkamp von der Commerzbank den Dax am Jahresende bei 7.200 Punkten. Er begründete seine Einschätzung unter anderem mit der vermutlich nur temporären Konjunkturdelle in den USA und den Schwellenländern.

Noch optimistischer äußerte sich der Chefstratege von Silvia Quandt Research, Ralf Grönemeyer, der einen Dax-Stand von 7.500 Punkten prognostiziert. In seinen Augen passt die aktuelle Situation der deutschen Wirtschaft nicht zum Erwartungsbild. Das habe der Ifo-Geschäftsklimaindex im Juni gezeigt: Während die Geschäftslage sich verbessert habe, hätten sich die Erwartungen getrübt. Sollten letztere sich an die aktuelle Lage anpassen, dürfte das für Vertrauen sorgen und die Kurse steigen lassen.

Zudem gehen einige Experten von einer Entschärfung der europäische Schuldenkrise aus. 'Diese bleibt zwar bestehen, wird aber immer besser handhabbar,' sagte Ekkehard Link, Leiter Kapitalmarkt bei der National-Bank. Die Fachleute der BNP Paribas erwarten eine politische Reaktion auf die aktuellen Spannungen, die zu einer Beruhigung der allgemeine Situation in der Eurozone führen dürfte. Davon sollten dann positive Impulse auf den Finanzmarkt ausgehen.

Zunächst vorsichtiger sind die Analysten der Landesbank Berlin, die den Dax am Jahresende bei 6.600 Punkten sehen und den Anlegern empfehlen, weiter defensiv zu agieren. Ihrer Meinung nach bleiben die Schulden- und Ansteckungsprobleme in der Eurozone bestehen. Auch auf der Konjunkturseite gebe es kaum Gründe für eine vorerst weniger zurückhaltende Einschätzung des Aktienmarktes.

Am pessimistischsten zeigte sich die Hamburger Privatbank M.M.Warburg, die den Dax am Jahresende bei 6.000 Punkten sieht. Anlagestratege Matthias Thiel rechnet mit einer weiterhin volatilen Entwicklung am Aktienmarkt. Den Grund für die erwarteten Ausschläge sieht er in Phasen erhöhter Unsicherheit. Darauf folgende Reaktionen der Politik dürften dann immer wieder zu Gegenbewegungen führen./mis/zb/wiz

--- Von Michael Schilling, dpa-AFX ---

Quelle: dpa-AFX

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